Es sind unscharfe Bilder, die in den vergangenen Wochen wieder und wieder zu sehen waren. Sie sind von diesem leicht verzerrten Grau, das die Ästhetik von Überwachungskameras prägt, zumal sie im kalten Licht eines U-Bahnhofs entstanden sind. Es sind widerliche Bilder. Der Schlag gegen den Kopf, dann die wiederholten Tritte auf den am Boden liegenden Mann, wiederum gegen den Kopf.

Dass der Mann den brutalen Überfall im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße überlebt hat, erscheint wie ein Wunder und ist auch auf dem beherzten Einschreiten eines unbeteiligten Fahrgastes zuzuschreiben. Die Täter haben sich längst der Polizei gestellt – den Film aber kann man auf YouTube und anderen Webseiten weiterhin ansehen. Auch die Portale verschiedener großer deutscher Zeitungen sind darunter. Und genau an diesem Punkt ergeben sich eine Reihe bislang ungeklärter Fragen, die mit den Kameras, der Macht der Bilder im Besonderen und der Gewalt und ihrer Darstellung im Allgemeinen zu tun haben. Die zentrale Frage ist: Warum hat die Berliner Polizei diese Aufnahmen veröffentlicht?


Bilder aus Überwachungskameras gehören seit etlichen Jahren zum Standardrepertoire der Kriminalitätsaufklärung. Die Polizei gibt Standbilder aus diesen Videos an die Öffentlichkeit, um flüchtigen Tätern auf die Spur zu kommen. Oft mit Erfolg. Die Veröffentlichung der eigentlichen Videos aber ist neu, wenn auch nicht ganz: Im Nachgang der Ereignisse des 11. September 2001 wurden wiederholt die Videos gezeigt, welche die späteren Attentäter beim Einchecken auf einem Flughafen zeigten. Auch von den Kofferbombern von Köln gab es Videos – keines jedoch zeigte eine Art der Gewalt, wie das aus dem Berliner U-Bahnhof. Dieses Video hat zu einer Diskussion über Jugendgewalt und den Umgang mit den Straftätern geführt. Sind das die Gründe, warum der Überwachungsfilm überhaupt veröffentlicht wurde? Das Video zeigt nur die Tat, denn auch bei genauerem Hinsehen sind kaum Gesichter zu erkennen. Außerdem gab es einen Zeugen.

Wenn es die Aufgabe der Wissenschaft ist, vor allem die richtigen Fragen zu finden, dann müsste man zunächst fragen, welchem Zweck das beständige Zeigen des Videos dienen könnte. Da es nicht zur Fahndung beitragen sollten – die Täter stellten sich ja –, was soll es dann in der Öffentlichkeit? Und welche Konsequenzen mögen derartige Bilder für unsere Wahrnehmung von Gewalt und öffentlicher Sicherheit haben?

Eine ernüchternde, aber vielleicht auch heilende Schlussfolgerung, welche das Video ganz ungefragt liefert, ist die, dass Kameras diese Vorfälle nicht verhindern können. Und es gibt auch keine Studien, die das Gegenteil behaupten. Ob sie darüber hinaus zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl beitragen, muss angesichts der brutalen und ekelhaften Bilder bezweifelt werden.

Dass wir immer mehr solche Bilder sehen und in Zukunft sehen werden, hängt auch damit zusammen, dass sich die Kameras in immer mehr Bereiche ausbreiten, insbesondere an Orte, an denen ein erhöhtes Unsicherheitspotenzial vermutet wird. Das gilt insbesondere für den öffentlichen Nahverkehr,  die U-Bahnhöfe mit ihrem nicht vorhandenen Personal.