ZEIT ONLINE: Herr Kindler, Christine Bergmann hat heute ihre Empfehlungen in ihrem Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen veröffentlicht. Ist inzwischen ein neues Bewusstsein entstanden oder wird die Aufmerksamkeit verpuffen, wenn ihre Anlaufstelle und das Thema aus den Medien wieder verschwinden?

Heinz Kindler : Die Menschen sind sicher aufmerksamer geworden. Aber das alleine reicht nicht. Wir müssen flächendeckend qualifizierte Strukturen aufbauen. Das lässt sich nicht allein durch eine Anlaufstelle regeln, selbst wenn man sie fortführen würde.

ZEIT ONLINE : Welche Strukturen braucht man?

Kindler: Die meisten Verdachtsfälle werden nur bekannt, wenn ein Kind sich anvertraut. Wenn wir das wollen, müssen vertrauensvolle Beziehungen in Schulen, Internaten oder Kinderheimen möglich gemacht werden. Spezialisten als Ansprechpartner sind zwar im weiteren Verlauf wichtig. Aber ein erstes Gespräch muss jeder Erwachsene, der mit den Kindern zu tun hat, führen können. Denn das Kind fasst eher den Mut, einen Verwandten, Lehrer oder Erzieher anzusprechen, den es schon gut kennt und mag.

ZEIT ONLINE : Wie stellt man Vertrauen her?

Kindler : Vertrauen beruht auf vom Kind kontinuierlich erlebter Unterstützung und einem wahrgenommenen Interesse am Kind als Person. Dafür brauchen Fachkräfte Zeit. Wichtig ist auch die Situation, in der Kinder austesten, ob sie ein persönliches Problem ansprechen können. Signalisiert die Fachkraft dann: "Ich habe keine Zeit" oder: "Das wird mir zu viel", ziehen sich Kinder oft wieder zurück. Deshalb müssen Mitarbeiter selbst wissen, mit wem sie sprechen können, wenn sie einen Verdacht haben. So wichtig auch Regeln für den Umgang mit Kindern sind, um institutionellen Missbrauch zu verhindern, sie dürfen Nähe und Vertrauen auf keinen Fall verhindern.

ZEIT ONLINE : Das hört sich sehr schwierig an. Wie verhindert man dann Verhältnisse wie in der Odenwaldschule, in der die starke Nähe zur Falle wurde?

Kindler : Wir haben den Fall der Odenwaldschule nicht gezielt untersucht. Generell scheint mir jedoch nicht Nähe zur Falle geworden zu sein, sondern fehlende nicht-missbrauchende Vertrauenspersonen und eine fehlende Bereitschaft anderer Erwachsener zum Einschreiten.

ZEIT ONLINE : Welche Präventionsmaßnahmen helfen denn? Wie erklärt man Kindern Missbrauch, ohne ihnen unnötig Angst zu machen?

Kindler : Soweit wir wissen, können Präventionsprogramme gegen sexuellen Missbrauch bewirken, dass sich Kinder besser informiert und geschützt fühlen. Die Projekte sind umso wirksamer, je mehr sich die Kinder beteiligen können – in Rollenspielen und indem sie mitreden. Oft werden die Eltern ermuntert, hinterher mit ihren Kindern das Thema aufzugreifen. Zum Beispiel gibt es Theaterstücke zum Thema, die die Kinder beeindrucken, aber keine größeren Ängste auslösen. Die Vor- und Nachgeschichte von einem sexuellen Missbrauch wird erzählt, der Missbrauch selbst aber nur angedeutet. Präventionsprogramme mit Kindern können aber nur ein Baustein sein. Auch wenn Kinder nach solchen Programmen eher Hilfe holen und in einigen Studien Gefahrensituationen besser vermeiden konnten, lässt sich damit nicht jeder Missbrauch verhindern. Da sind immer auch die Erwachsenen gefragt.

ZEIT ONLINE : Die meisten Missbrauchsfälle geschehen in der Familie oder im Bekanntenkreis. Wie gewinnt man in solchen Fällen das Vertrauen der Kinder oder Jugendlichen?

Kindler: Das ist besonders schwierig. Denn hier entstehen viele Ängste, die wir den Kindern nicht alle nehmen können. Viele wollen, dass der Missbrauch endet, haben aber zugleich Angst, dass die Familie auseinander fällt. Aber wir können natürlich nicht versprechen, dass wir das Kind nicht aus der Familie herausnehmen. Andere Kinder haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt oder sogar die Schuld gegeben wird. Auch das können wir nicht in jedem Fall verhindern. Wir können nicht bestimmen, wie andere Familienmitglieder, der nicht missbrauchende Elternteil beispielsweise, zu reagieren haben. Wir können nur beraten und ein verantwortungsvolles, elterliches Verhalten dadurch fördern.

ZEIT ONLINE : Gibt es Kinder, die leichter zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden als andere?

Kindler: In Studien hat sich herausgestellt, dass sich mehr als die Hälfte der Täter Opfer aussuchen, die emotional ausgehungert und wenig selbstbewusst sind. Das sind oft Kinder oder Jugendliche, die schon häufiger, die Erfahrungen machen mussten, dass ihre Grenzen nicht geachtet wurden. Kinder, die in Milieus leben, in denen sie nicht viel zählen oder in Heimen, wo auch andere Übergriffe stattfinden. Umgekehrt kann man nicht sagen, dass Kindern, die bestimmte Eigenschaften wie ein starkes Selbstbewusstsein aufweisen, garantiert nichts passiert. Nicht alle Täter lassen sich von Widerstand abschrecken.

ZEIT ONLINE : Wie bringt man Kindern aber Selbstbewusstsein bei?

Kindler: Kinder, die mitentscheiden und sich ausdrücken können, die ihre Talente entfalten dürfen, sind meist auch selbstbewusst. Besonders wichtig ist, dass es Menschen gibt, die das Kind mögen. Ein Dreitagekurs bewirkt da natürlich nicht viel. Um das Selbstbewusstsein zu stärken, muss ein pädagogischer Alltag dafür geschaffen werden. Einrichtungen müssen sich auf den Weg machen und Konzepte entwickeln. Lehrer sollten das schon in der Ausbildung lernen. Schließlich nutzt ein gutes Selbstwertgefühl ja nicht nur gegen Missbrauch.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch typische Täterprofile, auf die man achten kann?

Kindler : Es gibt keinen Lackmustest: Wenn er das macht, missbraucht er Kinder. Wir wissen auch noch zu wenig über Täter in Institutionen in Deutschland. Wir können nur Aussagen treffen, über die, die sich in Therapie begeben oder die strafrechtlich belangt werden. Es gibt eine Gruppe von Männern mit fest verankerten sexuellen Interessen, die sich allein auf Kinder und Jugendliche richten aber durchaus auch Menschen, die unterschiedliche sexuelle Präferenzen haben. In einer Doktorarbeit, die Missbrauchsfälle untersucht hat, hat die Autorin einen verbreiteten Tätertyp beschrieben, der allmählich eine besondere Beziehung zu einem Kind aufbaut. Solche privaten heimlichen Treffen kann man unter Umständen beobachten und rechtzeitig eingreifen. Täter die überraschende Angriffe wählen, sind, wenn sie nicht schon vorher aufgefallen sind, schlecht zu identifizieren.