Auch viele Eltern verdrängten die Signale, die sie von ihren Kindern bekamen. Sie hatten ja eine für die Kinder großartige Einrichtung ausgesucht, deren Ruf und Autorität sie vertrauen durften. Schlechtes Gewissen mag mitgespielt haben: Man hatte keine Zeit für die Kinder und sie deswegen anderen Stellen anvertraut. Zu den Gemeinsamkeiten gehören schließlich Bagatellisierungen der Polizei oder der Gerichte. Gegenüber Missbrauchsanzeigen war man seinerzeit skeptisch. Gern tat man sie als "Schutzbehauptungen" ab. Möglichst wollte man die Kontrolle interner Regulierung der Einrichtungen überlassen.

Was aber kann man zur Vorbeugung tun? Vieles geschieht inzwischen. Missbrauchsfälle sind rückläufig. Dazu gehört es, junge Menschen alters- und situationsgemäß aufzuklären, darin zu stärken, sich selbstbewusst und sozial kompetent zu behaupten. Alle Kindergärten, Schulen und Heime sollten bei Eintritt Merkblätter an die Eltern und Schüler geben, in denen über Rechte und Vertrauensleute innerhalb und außerhalb der Einrichtung informiert wird. Umgang mit Risiken von Missbräuchen und Vorkehrungen dagegen müssen zum Standard der Ausbildung von Erziehern, auch von ehrenamtlich Tätigen, gehören. Zu Pädophilie Neigenden kann präventiv Behandlung angeboten werden nach dem Beispiel des Projekts an der Charité .

Im Sinne von mehr Transparenz sollten Eltern, Angehörige, Ehrenamtliche und Medienvertreter aufgefordert werden, die Institutionen zu besuchen. "Ombudsleute", also externe, unabhängige, unbefangene, kompetente, mit Vertrauen und unbeschränktem Zugang ausgestattete Ratgeber und Beschwerdestellen nach Art des Wehrbeauftragten sollten von allen Trägerorganisationen dezentral vorgesehen werden. Für die Haftanstalten hat NRW damit begonnen. Für die Polizei ist das jetzt in Hessen geschehen. Jugend- und Altenheime sowie Internate könnten folgen. Vielleicht sogar kirchliche Einrichtungen wie Klosterschulen?

Aber auch Staat und Recht sollten  Kontrolle und Vorbeugung verbessern. Grundrechtsfreie Räume dürfen nicht geduldet werden. In Heimaufsicht und Jugendämtern fehlt oft nötiges Personal für den Außendienst. Unangemeldete Besuche müssen aber möglich werden. Polizei und Justiz könnten Spezialdezernate mit kompetenten Sachbearbeitern auf diesen Bereich ausdehnen.

Zwar sind einer Verlängerung oder Aufhebung der strafgesetzlichen Verjährungsfrist Grenzen gesetzt. Sie könnte immerhin 21 statt schon 18 Jahren einsetzen, weil junge Menschen immer später selbstständig werden. Aber an dem Verjährungszeitraum von 10 Jahren sollte man aus rechtsstaatlichen Gründen festhalten, schon weil im Laufe der Zeit die Beweisschwierigkeiten und die Gefahr von Fehlentscheidungen wachsen. Dagegen könnte man die Fristen verlängern, die zivilrechtliche Schadensersatzansprüche von Opfern regeln. Hier wiegen rechtsstaatliche Bedenken geringer.

Anzeigepflichten bei Missbrauchsverdacht sind hingegen weder rechtlich sinnvoll noch praktisch durchsetzbar. Aber Träger beruflicher Schweigepflichten wie Ärzte oder Priester sollten darüber aufgeklärt werden, dass neben dieser Pflicht auch eine Hilfspflicht existiert, die in Notfällen die Schweigepflicht sogar überlagern kann. Auch ließe sich der Opferschutz im gesamten Gang des Strafverfahrens verbessern. Misshandelte dürfen nicht zwangsläufig vor Gericht zum zweiten Mal zum Opfer werden.