Frage: Frau Basogul, was bedeutet Ihnen persönlich das Kopftuch?

Seren Basogul: Ich bin gläubige Muslimin und denke, dass es meine religiöse Pflicht ist, das Tuch zu tragen. Das war eine sehr durchdachte Entscheidung. Ich bin in der Nähe von Aachen aufgewachsen, meine Eltern stammen aus der Türkei. Sie haben dafür gesorgt, dass ich ein fundiertes Wissen über unsere Religion erhalte. Mit 16 habe ich dann selbst begonnen, mich stärker mit dem Islam zu beschäftigen, und dabei gemerkt, dass der Glaube – und dazu gehört auch das Kopftuch – meinem Leben Sinn verleiht, dass er mich stärkt und mir ein gutes Gefühl gibt.

Frage: Sie haben Grafikdesign studiert. Die Fotografien, die wir auf dieser Seite zeigen, stammen aus Ihrer Abschlussarbeit "Cover/Discover", in der Sie die Wirkung des Kopftuchs untersuchen. Wie entstand die Idee zu dem Projekt?

Basogul: Da muss ich ein wenig ausholen. Ich sehe eigentlich nicht "typisch türkisch" aus, habe helle Haut und blaugrüne Augen, und entspreche auch sonst nicht dem Klischee, meine Eltern haben zum Beispiel immer großen Wert auf Bildung gelegt. So lange ich kein Kopftuch trug, war ich kaum mit Vorurteilen konfrontiert, denn die meisten Leute bekamen gar nicht mit, dass ich Türkin oder gar Muslimin bin. Mit dem Studium habe ich dann begonnen, das Tuch zu tragen – ich dachte, das wäre ein guter Zeitpunkt, weil ich viele neue Menschen kennenlerne, die glaubten, ich hätte schon immer so ausgesehen. Und nun passierte etwas Seltsames: Obwohl ich für mein Gefühl derselbe Mensch blieb, gingen die Leute plötzlich ganz anders mit mir um.

Frage: Was haben Sie erlebt?


Basogul: Teilweise habe ich gespürt, dass sie mich anders ansehen. Aber es kamen auch Fragen wie: Trägst du das Tuch, weil du verheiratet wurdest? Musst du das machen, weil dir das dein Vater gesagt hat? Und ein älterer Mann hat mich mal als "scheiß konvertierte Deutsche" beschimpft.

Frage: Erstaunlich, wie viel Macht von einem Stück Stoff ausgehen kann.

Basogul: Erstaunlich ist eher, was dieses Stück Stoff beim Betrachter auslöst. Das wollte ich untersuchen. Ich wollte gucken, welche visuelle Wirkung verschiedene Kopftücher auslösen.

Frage: Auf den Bildern sind aber nicht Sie zu sehen, oder?

Basogul: Nein, das ist meine Kommilitonin Sarah. Außer ihr habe ich für das Projekt noch fünf weitere Freundinnen fotografiert. Das Prinzip aber ist immer das gleiche: Von Bild zu Bild ändert sich die Fläche des bedeckten Haars und der bedeckten Haut – und damit die Wirkung des Fotos. Und das, obwohl das Model in allen Fällen dasselbe ist. Jeder Betrachter kann das an sich selbst überprüfen: Was glaube ich über die Frau mit dem Stirnband zu wissen, was über die, deren Kopf und Hals fast ganz bedeckt sind?

Frage: Wie reagieren die Leute, die sich die Fotografien anschauen?

Basogul: Für die meisten kippt die Wahrnehmung, sobald der Hals der Frauen bedeckt ist. Bis dahin wirken die Bilder wie Modefotografie, dann wird es plötzlich religiös ...