Der Tag beginnt mit missverständlichen Schlagzeilen. Die Bahn baue ab sofort weiter am Tunnelprojekt Stuttgart 21 , berichten die Nachrichtensprecher der Radiosender den ganzen Morgen, aber das stimmt insofern nicht, als es seit Wochen keinen echten Baustopp am Stuttgarter Hauptbahnhof gab. Ständig hatten Fachfirmen etwas im neu errichten Technikgebäude für das Grundwassermanagement am Rand des Schlossparks zu tun. Ein hoher Eisenzaun, der den Bau umgibt, scheint Neugierigen sagen zu wollen: Verschwindet.

Aber die Demonstranten, etwa 300 diesmal, verschwinden nicht, um sechs Uhr in der Frühe haben sie, wie schon vergangene und vorvergangene Woche, mit einer Sitzblockade begonnen . Um die 80 Entschlossene sitzen auf dem Zufahrtsweg zum verhassten Technikgebäude. Sie gucken auf Polizisten und die rostig gewordenen großen Metallbuchstaben der "Expressguthalle", die das Baudenkmal Hauptbahnhof verunzieren. Immerhin gibt es Musik. Ein Trompeter intoniert den Gassenhauer "Wer soll das bezahlen".

Auf einem Seitenstreifen stehen ein Dutzend Firmenfahrzeuge, deren Fahrer warten, bis die Blockade aufgehoben ist. Sie hatten einen weiten Anfahrtsweg. Die Monteure sind genervt, sie wollen nichts sagen. Unter den Demonstranten verbreitet sich eine angebliche Beleidigung des Firmen-Einsatzleiters, der die Blockierer als "linkes Gesocks" bezeichnet haben soll. Manche wollen herausgefunden haben, in welchem Auto der Mann sitzt und informieren ihre Nebenleute. Als das Auto später vorbei rollt, wird es ausgepfiffen. Mehr nicht.

Von Eskalation und Aggressivität keine Spur. Möglicherweise fällt es schwer, in den alten Wutmodus zurückzuschalten, nachdem der Machtverlust der CDU bei den Demonstranten vorübergehend so viel Freude ausgelöst hat. Fest steht, dass die Polizei – überwiegend Frauen und Männer der Bereitschaftspolizei Göppingen sowie der Stuttgarter Einsatzhundertschaft – ihr Auftreten unter der Kretschmann-Regierung und nach dem Abgang des Polizeichefs Siegfried Stumpf grundlegend überarbeitet hat.

Auf den Köpfen der Polizisten sitzen Käppis, keine Helme wie noch im vergangenen Jahr. Schlagstöcke sind nicht zu sehen. Die versammelten Vertreter der Staatsgewalt bilden auch kein finster schweigendes Spalier mehr, sondern antworten auf Fragen, auch auf kritische. Als ein Demonstrant Beamte anschreit, weil sie einen Sitzblockierer angeblich wider die Dienstvorschrift abtransportieren, wird er von anderen Gegnern zurechtgewiesen. "Was soll das, diese Aggressivität schadet uns nur."

Durch die Menge eilt, den Kopf gesenkt, einen Handyknopf ihm Ohr, mit einem Male Matthias von Hermann, der Sprecher der "Parkschützer". So viele Interviews wie an diesem Morgen hat er lange nicht gegeben. Als er endlich ein wenig Zeit hat, später, in einer Mauernische des Hauptbahnhofs, da freut er sich über diese Sitzblockade. "Es geht aufs Ende des Projekts zu. Das sehen hier alle", sagt er.