Die Gelassenheit ist verschwunden aus Stuttgart. Nichts ist mehr zu spüren von der Zufriedenheit, dass die Proteste gegen den Tiefbahnhof seit dem Abtritt der Regierung Mappus weitgehend ohne Aggressivität auskamen. Nichts ist mehr zu hören von dem neuen zurückhaltenden Auftreten der Polizei. Alles ist anders, seit am Montagabend die Besetzung der Stuttgart-21-Baustelle eskalierte.

Aus der Schlacht am Bauzaun ist nun, wie schon so oft in der Vergangenheit, eine Schlacht der Pressemitteilungen geworden. Die Parkschützer fingen damit schon an, als der Krawall noch gar nicht vorüber war: Kurz vor 21 Uhr am Montagabend resümierte Sprecher Matthias von Herrmann in einer Presseaussendung: "Die Versammlung auf dem Gelände verläuft friedlich, es kam zu keinen Ausschreitungen, auch die Polizei verhält sich sehr ruhig. In gelöster Feierabendstimmung nehmen die Anwesenden ein Stück ihrer Stadt wieder in Besitz." Gemeint war die Erkletterung des eingezäunten Bahngebäudes für das Grundwassermanagement.

Zu diesem Zeitpunkt waren acht Polizeibeamte wegen des Verdachts eines Knalltraumas in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Vier von ihnen werden weiterhin stationär behandelt. Im Gemenge, angeblich gegen 19.15 Uhr, war von Demonstranten ein Böller gezündet worden. Ein 42-jähriger Zivilfahnder war außerdem von bislang Unbekannten zusammengeschlagen und schwer verletzt worden, als er, so die Polizei, einen Demonstranten stellte, der sich an einem Baufahrzeug zu schaffen machte. Auch dieser Mann liegt im Krankenhaus, die Stuttgarter Polizei prüft eine Anzeige wegen versuchten Totschlags. 16 Personen wurden vorläufig festgenommen. Das Stuttgarter Polizeipräsidium schrieb am Dienstag in einer eigenen Pressemitteilung außerdem von zerstochenen Reifen, abmontierten Radmuttern, Sand und Steinen in Benzintanks, zertrümmerten Wasserrohren und Installationsgeräten. Der Sachschaden steht noch nicht fest.

Die öffentlichen Reaktionen fielen eindeutig aus. Nicht nur die Baden-Württembergischen Zeitungen verurteilten am Mittwoch unisono den Ausbruch von Gewalt. In Leitartikeln wurde namentlich Matthias von Herrmann als Widerständler gebrandmarkt, der offensichtlich nicht nur die Kontrolle über die Parkschützer, sondern auch über sich selbst verloren habe.

Ihn lässt das kalt – sagt er. Zu viele Journalisten kenne er mittlerweile, die "meistens abschreiben, was in den Mitteilungen der Polizei steht". Ein "Idiot" habe einen Böller geworfen, sagt von Herrmann. "Meine Güte, das muss nicht sein", fügt er hinzu. Doch zur Besetzungsaktion steht er. "Erstaunlicherweise regt sich niemand darüber auf, dass ein Planänderungsverfahren ansteht und die Bahn trotzdem weiterbaut." Herrmann meint die von der Bahn beantragte Erlaubnis, doppelt so viel Grundwasser um die Baustelle abpumpen zu dürfen als früher beabsichtigt.

Seine ostentative Gelassenheit hat von Herrmann, bezogen auf die führenden Köpfe der Widerstandsbewegung, exklusiv. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, dem die Parkschützer angehören, distanzierte sich in einer Pressemitteilung. "Das Zünden von Böllern, das Umstoßen von Zäunen und das Umherwerfen von Baumaterial lehnen wir ab", verkündete Brigitte Dahlbender, Sprecherin des Aktionsbündnisses und Managerin im BUND-Landesverband.