Es ist ein kleines Ritual: Autofahrer drosseln das Tempo, sie drehen den Kopf zur Seite. Sehen hinüber zu den weißen Kreuzen und den roten Kerzen, den Fotos und Blumen hinter dem provisorischen Bauzaun am Karl-Lehr-Tunnel, dem Ort der Loveparade-Katastrophe .

Es scheint, als könnten die Duisburger nicht anders, als den Toten im Vorbeifahren die Ehre zu erweisen, als müssten sie hier ihr normales Tempo drosseln. Vorsichtig sein. Damit sie endlich verheilen möge, die tiefe Wunde einer ganzen Stadt. Ein kleines bisschen wenigstens.

Am 24. Juli 2010 starben bei der Massenpanik auf der Loveparade 21 Menschen, über 500 wurden verletzt. Die Katastrophe, deren juristische Aufarbeitung noch lange dauern wird, hat viele Opfer hinterlassen: Die Toten, ihre Angehörigen, die Traumatisierten, die Augenzeugen. Und die Stadt selbst. Rund ein Jahr danach bestimmt nichts das Leben in Duisburg so sehr wie das Unglück.

Harald Jochums steht in der Duisburger Innenstadt. Es regnet, Menschen eilen unter Schirme geduckt an ihm vorbei, aber Jochums hat blendende Laune. "Es läuft ganz hervorragend gerade", sagt er strahlend. Der Grund für seine Freude liegt neben ihm: Listen mit Unterschriften für die Abwahl des Oberbürgermeisters Adolf Sauerland. Über 30.000 Stimmen haben Jochums und seine Mitstreiter von der Initiative "Neuanfang für Duisburg" schon zusammen, "damit hätten wir selbst nicht gerechnet, die Leute reißen uns die Listen aus den Händen", sagt er. 55.000 brauchen sie bis Mitte Oktober, um ein Abwahlverfahren eröffnen zu können.

Es geht der Initiative nicht um Schuld, das betonen ihre Anhänger immer wieder: Es gehe um Verantwortung. "Sauerland und die anderen haben im Vorfeld Fehler gemacht und sich nach dem Unglück unwürdig verhalten , das hat unserer Stadt geschadet, und deshalb soll er gehen", sagt Jochums.

Der 63-Jährige ist so etwas wie ein privater Polit-Profi, ein Dauer-Engagierter. Seit Jahrzehnten schreibt er Briefe an Kanzler und Bankchefs. Für ihn ist die Wut vieler Duisburger auf ihren Oberbürgermeister "nur der Auslöser" für etwas, auf das er schon lange gewartet hat. Am liebsten würde Jochums die ganze "inkompetente Stadtspitze" loswerden. Die meisten in seiner Initiative wollen erst mal nur Sauerland stürzen.

Duisburg ist eine sehr sensible Stadt geworden seit dem 24. Juli 2010. Es ist schwierig, mit Leuten auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Sie wehren ab: Wir wollen nichts sagen, wir wollen unsere Ruhe. Die Duisburger sind es leid, ständig in den Negativschlagzeilen aufzutauchen. Immer wieder gab und gibt es kleinere Konflikte in der Stadt: Was passiert mit dem Loveparade-Gelände? Soll eine Gedenkstätte darauf errichtet werden? Ein Möbelhaus? Oder beides? In der Diskussion wird der Ton sehr schnell schrill. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die Nerven blank liegen in Duisburg.

In einem sterilen Konferenzraum, kaum 200 Meter entfernt von Jochums und seinen Mitstreitern, sitzt einer, der auch für Duisburg kämpft, aber mit ganz anderen Mitteln. Uwe Gerste ist Geschäftsführer der "Duisburg Marketing Gesellschaft". Sein Job ist es, die Stadt positiv zu verkaufen. Gerade hat er sich von einem Professor Studienergebnisse darüber präsentieren lassen, wie seine Stadt so dasteht. Es könnte schlimmer sein. Die Übernachtungszahlen sind nicht eingebrochen, der Tourismus ist stabil. Uwe Gerste sieht zufrieden aus.