Dadaab/Addis Abeba. Die zweijährige Luluey Abdi Ladifs starrt mit den Augen einer Greisin auf ihre Mutter Rabiyo. Das ausgemergelte Mädchen ist fast verhungert. "Lululey wird jeden Tag dünner. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll", klagt die Witwe. Nachdem ihre letzte Ziege gestorben war, lief sie acht Tage und acht Nächte mit ihrem auf den Rücken gebundenen Kind ohne Essen durch die somalische Wüste bis sie im kenianischen Dadaab das größte Flüchtlingslager der Welt erreichte.

Über zehn Millionen Menschen sind laut dem Welt-Ernährungsprogramm der UN (WFP) am Horn von Afrika von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren bedroht. Ein Viertel der somalischen Bevölkerung ist auf der Flucht. Die zweijährige Lululey wird zu denjenigen gehören, die die Hungersnot wahrscheinlich nicht überleben werden.

Als ein Arzt Lululey sieht, überweist er sie sofort ins provisorische Krankenhaus. Ärzte-ohne-Grenzen-Mann Antoine Froidevaux verschweigt Lululeys Mutter, was er seit Wochen jeden Tag erlebt. "Die Hälfte der Kinder, die nach der langen Flucht im Lager ankommen, sind unterernährt. Manche haben so lange nichts gegessen, dass auch Infusionen sie nicht mehr retten können. Lululey ist ein besonders schlimmer Fall", sagt der erfahrene Helfer.

Nach zwei sehr niederschlagsarmen Regenzeiten vertrocknen am Horn von Afrika die Ernten auf dem Feld. Rinder, Schafe, Ziegen und Kamele verdursten. In Somalia herrscht zudem seit über 20 Jahren Bürgerkrieg. Auch wenn die radikal-islamistische Al-Schabaab-Miliz jetzt Hilfsorganisationen nach Somalia lassen will, sind die Menschen dort bislang ganz auf sich gestellt. Neben Somalia sind laut dem Koordinationsbüro für humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen vor allem Dschibuti, Äthiopien, Kenia und Uganda von der Dürre bedroht. Rund ein Drittel der Hungernden sind Kinder, die Lebensmittelpreise in den betroffenen Ländern steigen dramatisch, in diesem Jahr ist nicht mit einer Verbesserung der Lage zu rechnen.

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"Dies ist die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt", sagte Antonio Guterres, Chef des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen am Freitag in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

Im Südosten Äthiopiens hat es über sieben Monate kaum geregnet. In dem Land, in dem vor 26 Jahren über eine Million Menschen verhungerten, herrscht wieder Not. Der Nomade Mohammed Ali ist einer der Betroffenen. Über sechs Stunden ist er mit seinen 35 Kühen und 70 Ziegen durch die staubtrockene Savanne marschiert bis er kurz vor der somalischen Grenze endlich ein Wasserloch erreichte.

"Ich komme jeden zweiten Tag. Jedes Mal gibt es weniger Wasser. Ich habe Angst, dass es bald ganz austrocknet. Dann sterben erst die Tiere, dann...", der Vater will den Satz nicht zu Ende denken, nicht zu Ende sprechen. Bei der letzten Dürre vor drei Jahren verlor der 65-Jährige zehn Rinder. Seine Tiere, die Familie, sein unerschütterlicher Glaube an Allah und eine Handvoll abgegriffener äthiopischer Scheine sind das einzige, was Mohamed Ali hat. Von den Scheinen drückt er dem Wächter des Wasserlochs ein schmutziges Bündel in die Hand.