Der Kriminologe Christian Pfeiffer hält sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche nicht für weiter verbreitet als in anderen Teilen der Bevölkerung. Das sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Gespräch mit der ZEIT. Pfeiffer untersucht derzeit im Auftrag der Kirche Missbrauchsfälle in deutschen Bistümern. Im vergangenen Jahr hatte die Aufdeckung zahlreicher Fälle sexueller Vergehen von Priestern an katholischen Schulen zu einer öffentlichen Debatte geführt.

Es gebe "Anhaltspunkte dafür, dass die Priester im Vergleich zu Männern ihrer Altersgruppe in Deutschland unterrepräsentiert sind“, sagte Pfeiffer der ZEIT. Ob das Eheverbot für katholische Geistliche den Missbrauch begünstige oder ihn im Gegenteil sogar unwahrscheinlich mache, lasse sich gegenwärtig noch nicht sagen, führte Pfeiffer weiter aus.

Amerikanische Forschungsergebnisse legten nahe, dass der gesellschaftliche Trend der sexuellen Liberalisierung ein Beitrag zur Bekämpfung von sexueller Gewalt im Milieu der Kirche sei. "Priester, die dort unter Verletzung des Zölibats sexuelle Kontakte suchen, hatten es so zunehmend leichter, erwachsene Partner zu finden", sagte der Kriminologe. Dies habe offenbar dazu beigetragen, das Risiko für Kinder und Jugendliche zu verringern, dass sich Priester ersatzweise an ihnen vergehen.

Für seine Forschungsarbeit erhielt das Kriminologische Forschungsinstitut für die vergangenen zehn Jahre Zugang zu den Personalakten aller 27 deutschen Diözesen. In neun repräsentativ ausgewählten Diözesen können die Forscher darüber hinaus die Aktenbestände bis zurück ins Jahr 1945 einsehen.