Es passiert nicht oft, dass es vollkommen still wird, wenn Menschen sich in einem Fußballstadion versammeln. Um zehn Minuten vor vier Uhr am Sonntag aber ist es soweit, kein Laut ist zu hören im Stadion des MSV Duisburg. Die Menschen gedenken dort, wo sonst gebrüllt und gesungen wird, der Toten . Den 21 Toten der Loveparade, die zur gleichen Tageszeit vor genau einem Jahr hier in Duisburg bei einer Massenpanik ihr Leben ließen. Nur das Prasseln des Regens auf dem Stadiondach ist zu hören während der Schweigeminute. "Der Himmel weint mit uns. Danke, dass Ihr da seid", sagt der Pfarrer Uwe Rieske, der durch die Feier führt.

Es ist einer der berührenden Höhepunkte der Gedenkfeier mit insgesamt rund 7.000 Teilnehmern, darunter knapp 1.200 Angehörige der Opfer, Verletzte, Traumatisierte. Sie sitzen in den Logenplätzen auf der einen Seite des Stadions, ihnen gegenüber, auf der anderen Seite des Spielfeldes, haben sich die trauernden Duisburger versammelt.

Was kann eine solche Gedenkfeier leisten für die Opfer und Hinterbliebenen, aber auch für die Bürger Duisburgs, einer Stadt, die über Wochen die Negativschlagzeilen bestimmte? Das ist die Frage, die über diesem Nachmittag steht. Diejenigen, die bei der Feier das Wort ergreifen, geben darauf alle die gleiche Antwort: Dass nichts den Schmerz der Hinterbliebenen wettmachen kann, aber dass "es hilft zu wissen, dass man nicht alleine ist". So sagt es beispielsweise Petra Bosse-Huber, Vizepräses der evangelischen Kirche im Rheinland. Und noch eindrücklicher sagt es die Italienerin Nadia Zanacchi, die ihre 21-jährige Tochter durch die Massenpanik verloren hat: Das Mitgefühl der Duisburger helfe, "Tag für Tag weiterzumachen".

Es ist ein Signal der Verbundenheit und der Gemeinsamkeit in der Trauer, das von dieser Feier ausgeht. Ein Signal, das sichtlich allen Betroffenen gut tut, den Opfern selbst wie den Duisburgern.

Gemeinsamkeit zeigen – das ist es auch, weswegen Roswitha Rieger gekommen ist. Die 56-jährige Duisburgerin sagt, sie fühle sich wie alle Duisburger "mit der Katastrophe sehr verbunden". Die Bürger müssten "das leisten, was die Stadtführung nicht geschafft habe, nämlich die Opfer unterstützen". Und ihre Freundin, die sie zur Trauerfeier begleitet, berichtet von ihrem "Schamgefühl den Opfern gegenüber, dass das in Duisburg passiert ist, und dass sich unsere Politiker so unwürdig verhalten haben". Es ist klar, auch Duisburg selbst ist ein Opfer der Loveparade-Katastrophe.

Einen beträchtlichen Anteil daran, so sehen es viele, hat die Stadtspitze um den Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Er hat fast ein Jahr keine politische Verantwortung für das Unglück in seiner Stadt eingestanden, ist nicht zurückgetreten. Dabei gilt es als sicher, dass im Vorfeld und während der Loveparade selbst in der Stadtverwaltung viele der Fehler begangen wurden, die zur Katastrophe führten. Gegen elf Bedienstete Sauerlands ermittelt die Staatsanwaltschaft. Doch der Oberbürgermeister wehrt sich, gerade läuft eine neue Abwahl-Initiative gegen ihn.