In Oslo hat der rechtpopulistische Attentäter Anders Behring Breivik mehr als 70 Menschen ermordet. Die meisten waren Teilnehmer eines Jugendcamps. Ihr junges, vielversprechendes Leben wurde ausgelöscht, weil der Täter der Meinung war, Andersdenkende hinrichten zu müssen.

Es ist verständlich, dass sich unter den Schmerz und die Fassungslosigkeit der Überlebenden und Angehörigen Wut mischt. Es ist auch verständlich, dass einige Menschen sogar die Todesstrafe für den Täter fordern. Die Frage ist, ob es jemand wie Breivik verdient, in unserer Mitte weiterzuleben: Ist ein so kaltblütiger Mörder nicht nach seinen eigenen Maßstäben zu verurteilen?

Die Antwort ist nein, denn inmitten der Forderung nach Vergeltung darf man eines nicht vergessen: Unsere Gesellschaft erhält ihre Qualität erst dadurch, dass es eben keine standrechtlichen Erschießungen, Steinigungen und Lynchmobs gibt. Die Todesstrafe ist zu Recht abgeschafft. Denn abgesehen von dem kurzen Moment der Vergeltung, der den Opfern und Angehörigen dadurch zuteil würde, dient sie niemandem. Sie funktioniert weder als Abschreckung noch als Prävention für schwere Straftaten.

Auch wenn es schwer fällt: Täter bleiben auch nach ihren Taten Menschen. Sie verlieren ihre Würde nicht. Nur ein Täter, der weiterhin als Mensch behandelt wird, kann Verantwortung für seine Taten übernehmen. Täter und Gesellschaft sind gezwungen, sich in die Augen zu sehen.

Das ist bei der Todesstrafe nicht der Fall. Mit einer Hinrichtung stellt sich eine Gesellschaft auf eine Stufe mit dem Täter. Sie meint, dem Täter das Leben und damit das Recht nehmen zu dürfen, als Mensch Einsichten und Reue zu entwickeln.

Die Attentate in Oslo sollten eine Aufforderung sein, am humanistischen Grundgedanken weiter zu arbeiten, der unserer heutigen Gesellschaft zu einem halbwegs friedfertigen Miteinander verholfen hat. Wir sind noch nicht am Ziel – aber die Todesstrafe wäre ein sicherer Schritt zurück.