Am Montagmittag entlud sich dann doch die Wut. Als Anders Behring Breivik   im Auto vor dem Gerichtssaal in Oslo vorfuhr, traten Jugendliche gegen das Fahrzeug und beschimpften den mutmaßlichen Massenmörder. Er hat gestanden, am Freitag kaltblütig 76 Menschen umgebracht zu haben.

Bisher haben die Norweger geschockt, traurig, fassungslos – aber vor allem mit demonstrativer Ruhe – auf diese schreckliche Tat reagiert. "Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein", sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg nach den Attacken. Dafür hat er viel Anerkennung bekommen . Während in Deutschland schon die ersten CSU-Politiker über die Notwendigkeit der Speicherung von Internetdaten zur Attentatsprävention sprachen, lag man sich im Osloer Trauergottesdienst einfach nur stumm in den Armen.

Niemand diskutiere in Norwegen derzeit über strengere Sicherheitsmaßnahmen oder Überwachungsgesetze für die Polizei, sagt Veline Backofen: "Die Norweger sind noch voll in der Trauer- und Schockphase". Seit 25 Jahren lebt die Deutsche im Norden, leitet dort den Ableger der Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste . In dem Fünf-Millionen-Einwohnerland kenne fast jeder über Ecken ein Opfer oder eine betroffene Familie, erzählt sie: "Ein Schulkamerad meines Sohnes war auf Utøya. Er ist Gott sei Dank am Leben." Backofen klingt sehr nachdenklich am Telefon.

"Für politische Forderungen ist es wohl noch zu früh, niemand hat das Geschehen verarbeitet", sagt auch Sarah Reuter, die bei der Deutsch-Norwegischen Handelskammer in der Abteilung für Kommunikation arbeitet. "Ganz Norwegen ist wie gelähmt."

"Wir haben vor allem viele Fragen und noch kaum Antworten", erzählt der norwegische Journalist Kjell Arild Nilsen. Er ist bei der Nachrichtenagentur NTB angestellt, sie residierte mitten im Regierungsviertel von Oslo. Die Detonation der Bombe erlebte Nilsen am Freitag am eigenen Leib, sein Büro wurde evakuiert. Auf der Straße sah er blutende Menschen umherirren. Seitdem arbeitet er in einem Ausweichbüro beinahe rund um die Uhr. Eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze, nein, die habe noch niemand gefordert, sagt der Journalist und klingt fast verwundert ob der Frage.

Eines glaubt Nilsen aber schon: Personen des öffentlichen Lebens werden sich künftig mehr schützen. "Vielleicht waren wir da ein wenig naiv". Immer mal wieder sei in den Medien diskutiert worden, ob das Büro des Ministerpräsidenten in dem zentralen Gebäudekomplex der Osloer Innenstadt denn sicher genug sei. "Da führt schließlich eine öffentliche Straße daran vorbei." Am Ende sei es genauso gekommen, wie befürchtet: "Ein Attentäter ist vorgefahren und hat eine Bombe gezündet." Stoltenbergs Büro wurde vollkommen zerstört. Er zweifle daran, dass der Ministerpräsident sein neues Büro auch künftig an diesem Ort haben werde, sagt Nilsen.

Auch sonst könnte sich so einiges ändern. Bei der letzten traditionellen 1.-Mai-Demonstration in Oslo sei der Regierungschef einfach in der Menge mitgelaufen, erinnert sich die norwegische Aktion-Sühnezeichen-Vorsitzende Backofen. Stoltenberg habe ohne sichtbare Bodyguards teilgenommen. Ohne Sicherheitsabstand zu den Bürgern. "Das war es, was Norwegen bisher ausgemacht hat. Ich weiß nicht, ob er das in Zukunft noch tun wird."