Eskil Pederson will über das, was er auf Utøya erlebte, nur soviel sagen, dass er Schüsse hörte und sich daraufhin mit einem Boot an Land rettete. Mehr Fragen dazu bitte nicht, sagt seine Mimik. Pederson ist der Vorsitzende der norwegischen Jungsozialisten (AUF), der Organisation, die der Massenmörder Anders Breivik am liebsten ausgelöscht hätte, weil sich aus ihr die neue Führungsgeneration des Landes speisen könnte . Pederson ist ein hochgewachsener, drahtiger Typ, der trotz seiner 27 Jahre und dem, was er erlebt hat, sprechen kann wie ein Politveteran. "Ich möchte jetzt vor allem zwei Zukunftsbotschaften loswerden", sagt er eindringlich. "Die Ideale und die Politik der Jungsozialisten werden sich nicht ändern, sie werden weiterleben. Und wir werden uns Utøya zurückholen. Alles andere wäre ein Sieg für diesen Mann."

Aber kann es das geben, ein Zurück zum Norwegen, wie es vor dem 22. Juli war? Zu dem Land, das sich durch eine, wie es die Journalistin Ebba Drolshagen nennt, "exzessive Heimatliebe" auszeichnet, das die Vereinten Nationen sechsmal in Folge zum Staat mit der weltweit höchsten Lebensqualität kürten und das sich angesichts eines Dauer-Haushaltsüberschusses maximal die politische Frage stellte, ob es von den gewaltigen Öl- und Gaseinnahmen nicht doch ein bisschen mehr zur Steigerung der Bürgerfreude verjuxen dürfe.

Ja, vielleicht kann es das eines Tages wieder geben. Doch zunächst einmal dürfte die Wahnsinnstat von Anders Breivik mehr Einfluss auf die politische Debatten haben, als es sich die meisten Norweger dieser Tage wohl wünschen. In den Redaktionen, in den Ministerien, den Think-Tanks und an den Biertischen des Landes haben die Spekulationen über womöglich hausgemachten Ursachen der Tragödie längst begonnen. Ist es wirklich Zufall, dass der erste anti-muslimische Dschihadist seit dem 11. September seine Ideenwelt ausgerechnet hier ersponnen hat, im reichen, reinen Nordland? Ist es ein Zufall, dass von allen skandinavischen Anti-Eliten-Parteien ausgerechnet die norwegische Fortschrittspartei mit 23 Prozent die höchste Zustimmungsrate genießt? Kann das Land irgendwie, mit irgendetwas zu dieser Art von Radikalismus beigetragen haben?

Aber natürlich, sagt Helge Luraas. Norwegen habe den Fehler begangenen, sich für zu ausgezeichnet zu halten. Deswegen seien Kritiker, vor allem der Einwanderungspolitik, allzu schnell als radikal abgestempelt worden. Seitdem Luraas, Mitarbeiter des angesehenen Politikinstituts NUPI, diese Ansicht kurz nach dem Massaker im Fernsehen vertreten hat, rufen ihn ständig norwegische Journalisten an, die mehr dazu von ihm hören wollten, berichtet er. "Ich sage dann immer: Das Bild einer muslimische Bedrohung ist natürlich völlig übertrieben. Aber das Problem ist, dass nicht offen über Defizite bei der Integration gesprochen werden konnte. Die Philosophie lautete doch: Der Sozialstaat kümmert sich um die Armen, Punkt aus. Wer in Norwegen etwas werden wollte, der musste Multikulturalist sein." Das ist, bei allen krankhaften Weiterungen, genau der Ausgangspunkt von Breiviks Wahnwelt.

Gut möglich, dass der Multikulturalismus als eine Art Staatsideologie der Problemverleugnung in Norwegen tatsächlich übertrieben wurde. Allerdings: Das Land hat einen geschätzten muslimischen Bevölkerungsanteil von drei Prozent. Das kann man in der Epoche der Globalisierung kaum als Überfremdung betrachten. Die lange gewohnte ethnische Homogenität mag hysterisch gegenüber einer Vielfalt machen, die im 21. Jahrhundert unvermeidlich ist. Und kann man das Einwanderungsthema noch tabuisiert nennen, wenn es mit der Fortschrittspartei eine starke politische Kraft gibt , die aus dem Protest gegen den Multikulturalismus ihr Erfolgsrezept gemacht hat? Freilich bleibt sie in der guten politischen Gesellschaft eine Außenseiterin, sie wird gemeinhin als " Harry-Partiet " (Deppen-Partei) verschrien.

Kann es sein, darf es sein, dass Breivick mit seiner Tat eine Botschaft senden kann? Wird seine Horrortat, nach dem unmittelbaren Schock, eine Art Sarrazin-Impuls auslösen? Eine Debatte über das Schreckgespenst Multikulturalismus? "Wir werden das nicht verhindern können", sagt der Politikwissenschaftler Luraas.

Als erstes Ergebnis allerdings könnte dabei herauskommen, dass sich in Norwegen mehr Furcht als Wissen vor den sogenannten "Fremdkulturellen" breitgemacht hat, was kein Sieg für Breivik wäre. Diejenigen, die in den vergangenen Jahren nach Norwegen zugewandert sind, leben im Großen und Ganzen abgegrenzt von der Mehrheitsbevölkerung. Vor allem aus Somalia und dem Irak sind nach den dortigen Kriegen viele Asylbewerber aufgenommen worden. Wahrscheinlich war es nicht klug, sie fast geschlossen in Ost-Oslo anzusiedeln. Direkt hinter dem Hauptbahnhof, sagt ein junger Norweger sarkastisch, könne man "auf Safari" gehen. Viel stiller Unwille hat sich im Lande angestaut, mehr von dieser Art Einwanderungspolitik hinzunehmen; das merkt man an solchen und anderen Bemerkungen. "Viele Norweger", sagt abends in einem Pub ein Mann, der sich als Mitglied der Arbeiterpartei vorstellt, "stimmen der Analyse von Breivik schweigend zu. Schreiben Sie bitte trotzdem, dass dieser Mann verrückt ist."