ZEIT ONLINE : Herr Brettschneider, der Stresstest besagt, dass der geplante Stuttgarter Tiefbahnhof funktioniert. Zugleich steigen die S21-Gegner aus weiteren Schlichtungsgesprächen aus. Es gibt neue Proteste. Wie geht es jetzt weiter?

Frank Brettschneider: Die einen wollen Stuttgart 21, die anderen wollen das nicht, und da gibt es keinen Kompromiss. Darum war auch nicht zu erwarten, dass der Stresstest dazu führt, dass die beiden Seiten sich annähern. Jede Seite versucht, zu punkten und öffentliche Unterstützung zu gewinnen. Für die Gegner ist der Stresstest nur eine weitere Etappe, so wie der Abriss des Südflügels oder die nächsten Baumfällungen weitere Etappen sein werden.
 


ZEIT ONLINE : Und wer liegt aus Ihrer Sicht in der Gunst der Öffentlichkeit vorne?

Brettschneider: 2010 war eindeutig das Jahr der Projektgegner. Die haben kommunikativ alles richtig gemacht. Das gemeinsame Ziel hieß: Mappus weg. Darauf war alles fokussiert. Die Schlichtung Ende vergangenen Jahres hat das Blatt ein bisschen gewendet. Die Bahn holt jetzt etwas nach, was sie 15 Jahre lang versäumt hat: Sie informiert, setzt sich mit Kritikern an einen Tisch, sie öffnet sich auf eine gewisse Art und Weise. Das war das Verdienst von Heiner Geißler.

ZEIT ONLINE : Jetzt ist der Vorsprung der Bahnhofsgegner verbraucht?

Brettschneider: Letztendlich war nach der Landtagswahl ein bisschen die Luft raus . Das große, die Protestbewegung vereinende Ziel – neben dem Verhindern von Stuttgart 21 – war die Ablösung der Landesregierung. Das ist gelungen, und dementsprechend sieht man Demonstrationen mit deutlich niedrigeren Teilnehmerzahlen. Das kann sich allerdings leicht wieder ändern, wenn sichtbare Baumaßnahmen kommen. Im Augenblick liegt der Schwarze Peter in meiner Wahrnehmung eher bei den Projektgegnern, die so rüberkommen, als würden sie das Gespräch mit Heiner Geißler kommende Woche blockieren. Aus dieser Kommunikationsschiene versuchen sie jetzt rauszukommen, indem sie sagen, die Bahn hat uns nicht beteiligt.

ZEIT ONLINE : Erst profitierte der grüne Regierungschef Winfried Kretschmann von der Protestbewegung, jetzt scheint er ohnmächtig vor deren Forderung nach einem endgültigen Baustopp zu stehen. Welche Optionen bleiben ihm noch?

Brettschneider: Das ist eine ganz schwierige Situation für Kretschmann, weil er nicht nur eine Wählergruppe bedienen muss. Da sind zum einen die Gegner von S21, aber auf der anderen Seite hat er Wähler, die vor dem Hintergrund von Fukushima erstmalig die Grünen gewählt haben und teilweise aus dem bürgerlichen Lager kommen. Auch die darf er nicht erschrecken. Diese zweite Gruppe achtet sehr stark auf den Aspekt der Verlässlichkeit und Rechtsstaatlichkeit.