Kein Döner für Sarrazin!

Gestern schriebÖzlem Topcu hier , es wäre besser gewesen. Thilo Sarrazin einen leckeren Döner zu servieren, als ihn in Kreuzberg zu beschimpfen. Deniz Baspinar antwortet.

Die Redaktion des ZDF-Magazins aspekte hielt es offensichtlich für eine gute Idee, die Journalistin Güner Balci zusammen mit dem ehemaligen Berliner Finanzsenator und selbsternannten Migrationsforscher Thilo Sarrazin in Begleitung eines Kamerateams nach Berlin-Kreuzberg zu schicken. Man stellt sich unwillkürlich vor, unter welchem Arbeitstitel die Expedition wohl geführt wurde: "In die Höhle des Löwen!" vielleicht, "Self fullfilling Vorurteil" oder aber "Falscher Mann am falschen Platz".

Wer die Arbeit der Kollegin Balci kennt, weiß, dass sie schon mal auf Berliner Schulhöfe stürmt, um die dortigen Schüler mit vorgehaltener Fernsehkamera wegen deutschenfeindlicher Bemerkungen zur Rede zu stellen. Bei derartig hergestellten Beiträgen ( Krieg im Klassenzimmer ) musste man sich wiederholt vergewissern, welchen Sender man schaut, so reißerisch war der Reportagestil.

Der Versuch, diese Form der Gegenüberstellung mit Herrn Sarrazin und Kreuzberger Bürgern zu wiederholen, ist nun gründlich daneben gegangen. Bei der alevitischen Kulturgemeinde und in einem türkischen Lokal wollte man sich nicht mit dem hohen Besuch an einen Tisch setzen. Der Kreuzberg-Tourist Sarrazin fühlt sich schlecht behandelt, beklagt das "undemokratische" Verhalten – und sieht prompt alle seine Vorurteile bestätigt.

Frau Topcu wiederum macht sich Sorgen, dass die Türken wegen ein paar Hitzköpfen wieder einmal als ewig beleidigte Leberwurst dastehen. Sie plädiert für mehr Gelassenheit und wirbt für eine Auseinandersetzung mit den Ansichten des Herrn Sarrazin. Das ist ehrenwert.

Allerdings gilt auch: Ehre, Gastfreundschaft und Döner nur, wem Ehre, Gastfreundschaft und Döner gebührt. Es ist durchaus erlaubt, einen unerwünschten Gast einmal nicht zu empfangen, gerade wenn der Besuch nur der eigenen medialen Inszenierung dient.

Ging es bei diesem geplanten Fernsehbeitrag wirklich darum, in einen Dialog zu treten? Ging es darum, Sichtweisen und Argumente auszutauschen? Jede ehrliche Kommunikation lebt davon, dass das Gespräch auf Augenhöhe stattfindet. Wenn eine Seite der anderen pauschal bescheinigt hat, keinen produktiven Beitrag zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zu leisten und aufgrund einer minderwertigen genetischen Disposition auch kein solcher zu erwarten sei, dann gibt es keine Gesprächsgrundlage.

Ist die Verweigerung eines Diskurses anti-demokratisch?

Wie Herr Sarrazin in der Vergangenheit Menschen begegnet ist, die trotzdem die sachliche Auseinandersetzung mit ihm gesucht haben, wurde bei unzähligen Gelegenheiten, so zum Beispiel im Herbst letzten Jahres anlässlich einer Buchvorstellung in München, augenfällig. Der Münchner Soziologie-Professor Armin Nassehi wurde als Gesprächspartner von Sarrazin herablassend behandelt und vor dem pöbelhaften Verhalten der Zuschauer nicht in Schutz genommen. Das zumindest hätte der bürgerliche Anstand geboten. Die Arroganz, mit der Sarrazin seinen Kritikern begegnet, ist seitdem nicht weniger geworden.

Was hatten die Fernsehmacher geplant? Wollten sie Herrn Sarrazin dabei filmen, wie er in seiner "Herrenreiter-Attitüde" ( Süddeutsche Zeitung ) Kreuzberg abschreitet? Welche Rolle war den Berliner Türken zugedacht? Sollte der türkische Gemüsehändler wirklich mit Sarrazin an einen Tisch sitzen und ihm schildern, wie schwer es ist, morgens in der Früh aufzustehen, um zum Großmarkt zu fahren? Sollte der Restaurantbesitzer dem Ex-Bundesbanker vorführen, dass er sich alles mit seiner Hände Fleiß erschaffen hat? Sollte der arbeitslose Kaffeehausbesucher das SPD-Mitglied Sarrazin davon überzeugen, dass auch "unproduktive" Menschen eine Daseinsberechtigung haben? Wollen wir wirklich über solche Ansichten diskutieren? Ist die Verweigerung eines solchen Diskurses anti-demokratisch?

Dass die als Statisten für diese Inszenierung ausgesuchten Menschen sich dem verweigert haben, ist nur zu verständlich. Gleichsam sind sie zu Statisten für eine andere, ebenso berechnete Inszenierung geworden – die vom aufbrausenden, beleidigten Türken. Und so haben die Filmemacher doch noch ihre Story bekommen.