Dominique Strauss-Kahn und seine Frau Anne Sinclair verlassen den New Yorker Supreme Court.© Don Emmert/AFP/Getty Images

The Times, London: "Tragödie der französischen Sozialisten"

"Anscheinend kann der 62-jährige Politiker jetzt nach Frankreich zurückkehren, um als führender Kandidat für die Vorwahl der Sozialisten Präsident Nicolas Sarkozy erneut herauszufordern. Noch vor zehn Jahren wäre er in einem Triumphmarsch heimgekehrt und hätte Millionen Franzosen auf seiner Seite gehabt, die in einer Atmosphäre der Opposition gegen alles Amerikanische aufgewachsen sind. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute fragen sich die Franzosen, ob das Privatleben ihrer Politiker nicht doch als Faktor ihres politischen Standings berücksichtigt werden sollte. Die Tragödie der Strauss-Kahn Affäre ist, dass weder der IWF noch seine sozialistische Partei von seinem beträchtlichen Sachverstand in Finanzfragen und seiner pragmatischen Einstellung zur Politik profitieren können."

Le Figaro, Paris: "DSK-Affäre ohne Vorurteile"

"Gewiss bleibt der Machismo eine Realität unserer Gesellschaft, und es stimmt auch, dass die Mächtigen gelegentlich ein Gefühl von Straffreiheit haben. Doch jetzt ist die amerikanische Justiz zu kritisieren. Sie wurde schon wegen ihres spektakulären und erniedrigenden Umgangs mit Menschen angeprangert, und jetzt kann man Empörung ja sogar Ekel empfinden. Wie kann man einen Menschen auf der Grundlage einer einzigen ungewissen Aussage dem Urteil der Öffentlichkeit ausliefern? Die Auswirkungen dieser Justiz sind verheerend. Justizermittlungen in Frankreich sind zwar nicht so brutal, wirken jedoch wegen ihrer langen Dauer ähnlich zerstörerisch. Man sollte zwar nicht vergleichen, aber in den USA kann die Höllenmaschine wenigstens schneller gestoppt werden."

Wall Street Journal, New York: "Der erstaunliche Fall Strauss-Kahn" 

"Der Fall bietet womöglich genug Stoff, um für eine lange Zeit Seminare zu den Themen Jura, Medien, Sexsucht und moderne Politik zu beschäftigen. [...] Was Strauss-Kahn angeht, mit ihm wurde zweifelsohne grob umgegangen. Manche Franzosen werden das auf 'diese Amerikaner' schieben. Vielleicht ist es jedoch wahrheitsgemäßer, dass ein Mann, der weltweit schlichtweg als 'DSK' bekannt ist, einen Grad an Statur und Ruhm erlangt hat, den er entweder sinnlos gefährden oder schützen kann. Das Führen einer internationalen Institution und die Kandidatur für eine Präsidentschaft sind – falls das noch niemand bemerkt hat – nicht kompatibel mit dem Ruf eines bekannten Vollzeit-Lüstlings. [...] Der Fall Dominique Strauss-Kahn ist am Ende eine nützliche, wenn auch unschöne Lektion für Staatsanwälte, Medien, Politiker, Gaffer und den berühmten Mann im Zentrum des Ganzen. Mit etwas Glück wurde die Lektion sogar gelernt."

La Repubblica, Rom: "Der Fall Strauss-Kahn bleibt ein Rätsel"

"Ein furchtbares Unrecht ist geschehen unter dem Himmel von Manhattan. Doch von wem und gegen wen? Ob es nun Schuld ohne Sühne oder Sühne ohne Schuld sein mag, der Fall [...] bleibt eine Tragödie, die erst einen großen Mann zerstört hat und nun eine kleine Frau zerstören wird. Auch nach dem Eingeständnis der Anklage, einer unglaubwürdigen Zeugin geglaubt zu haben, bleibt der Fall Strauss-Kahn gegen das Zimmermädchen Ophelia ein Rätsel – bleibt das Enigma des Aussage gegen Aussage bestehen."

The Guardian, London: "Dominique Strauss-Kahn: Der menschliche Makel"

"Der Vorwurf der sexuellen Misshandlung gegen Dominique Strauss-Kahn liest sich wie ein Roman von Philip Roth. [...] Aber dies ist keine Fiktion, und der Fall entwickelt sich nun mit noch mehr Intensität und Öffentlichkeit als zuvor. Es ist wichtig, dass die übereilte Verurteilung, die den Ruf dieses Mannes zunichte machte, bevor auch nur eine der belastenden Aussagen gegen ihn vor Gericht getestet worden waren, sich nun nicht gegen die Frau wiederholt. [...] Das amerikanische Justizsystem, das es Anwälten erlaubt, vor dem Gerichtssaal offen über die Beweislage zu sprechen bevor diese gerichtlich geprüft wurde, trägt nicht gerade dazu bei, dem medialen Verfahren, das auf beiden Seiten des Atlantiks läuft, Einhalt zu gebieten. [...] Das Resultat ist, wie es ein Beamter sagte, ein Durcheinander, das alle beschmutzt, die damit in Verbindung stehen. Die Frau könnte potentiell angeklagt werden, vor einer Jury gelogen zu haben, während sie gleichzeitig die Konsequenzen dessen erleiden muss, was ihrer Behauptung nach in dem Hotelzimmer vorgefallen ist. Der Beschuldigte, auf der anderen Seite, hat seinen Job, seinen Ruf und mittelfristig seine politische Zukunft verloren, egal, wie sich der Fall entwickelt."