Ein Gericht spricht einem verurteilten Kindsmörder 3.000 Euro zu , weil der Staat seine Menschenwürde verletzt hat. Was folgt, ist Empörung, die nicht abebbt: Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) nennt das Urteil "nur schwer erträglich", es stoße "auch in der Öffentlichkeit" auf Unverständnis. Und der Opferhilfe-Verein "Weißer Ring" teilt mit, das Urteil rühre am "Rechtsempfinden der Menschen". Auf ZEIT ONLINE diskutieren Leser in insgesamt mehr als Tausend Kommentaren über das Urteil.

Dass Magnus Gäfgen, der Mörder von Jakob von Metzler, überhaupt einen Zivilprozess anstrengt, mag frech und dreist sein – aber es ist sein Recht. Bisweilen wird nun aber behauptet, dieses Urteil weise auf einen womöglich größer werdenden Graben zwischen Justiz und dem öffentlichen Rechtsempfinden hin. Doch wer das tut, der vergisst zwei Dinge:

Erstens ist das moralische Empfinden der Bürger alles andere als homogen. Die Empörung über die Entschädigung teilen längst nicht alle. Neben Politikern aller Parteien geben auch viele Leser zu bedenken : Menschenrechte, also auch der Schutz vor Folter , müssen auch für Mörder gelten . Dass die Polizei die Rechte Gäfgens verletzt hatte, hat die Justiz bereits 2004 festgestellt, als sie den Vizepolizeidirektor Wolfgang Daschner verurteilte, der die Folterdrohung angeordnet hatte. Der Richter, der am Donnerstag über Gäfgens Klage urteilen mussten, hatten gar keine andere Wahl, als seine Menschenrechte verletzt zu sehen. Für dieses Fehlverhalten staatlicher Stellen sprachen sie ihm Entschädigung zu. Sie taten aber viel mehr als nur das, und das führt zum zweiten Punkt:

Gäfgens eigentliche Forderung wurde nämlich abgelehnt. Er erhält zwar eine Entschädigung – aber kein Schmerzensgeld.

Die Voraussetzung für Schmerzensgeld wäre ein immaterieller Schaden, eine seelische Verletzung etwa. Bei Gäfgen, der einen elfjährigen Jungen aus Habgier ermordete, seine Leiche in einem See versteckte und anschließend Lösegeld von den Eltern entgegennahm, hat die ihm angedrohte Gewalt einen solchen Schaden nach Meinung der Richter nicht verursacht.

Dieser Schaden sei vielmehr entstanden, weil er einen Menschen tötete und anschließend im Verhör sein "auf Lügengeschichten und Luftschlössern" basierendes Selbstbild eingestürzt sei.

Entschädigung ja, Schmerzensgeld nein – dieser bedeutsame Unterschied ging in der Aufregung nach dem Urteil verloren: "Schmerzensgeld für Gäfgen" titelten viele Nachrichtenagenturen und Medien gestern , auch bei ZEIT ONLINE war es anfangs zu lesen. Selbst in der Pressemitteilung des Frankfurter Landgerichts war diese Unterscheidung nicht deutlich genug zu erkennen.   

Wenn es also einen Graben zwischen Justiz und dem Moralempfinden der Öffentlichkeit gibt, dann besteht der in allererster Linie darin, dass die abwägende Haltung des Gerichts nicht ausreichend gewürdigt wurde – sei es durch fehlende Informationen oder durch Ignoranz.

Denn mit ihrer Entscheidung gegen das Schmerzensgeld haben die Richter gezeigt: Sie haben nicht vergessen, dass sie es mit einem Mörder zu tun haben. Sie haben die kleinstmöglichen Zugeständnisse gemacht und sehr wohl nach Betrachtung der Person und ihrer Taten entschieden.