Am dritten Tag in Folge hat es in London gewalttätige Ausschreitungen und Verwüstungen gegeben. In insgesamt elf Stadtteilen war die Polizei im Einsatz. Randalierende Jugendliche setzten in Croydon, Peckham und Lewisham im Süden Londons Gebäude und Autos in Brand und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Aus einem Möbellager schlugen meterhoch die Flammen, in Deptford brannte ein Ladenlokal. Plünderer zogen durch die Straßen von Hackney im Osten der britischen Hauptstadt, Clapham im Süden, Camden im Norden und Ealing im Westen. In Clapham brachen sie Geldautomaten auf. In Hackney plünderten sie einen Lastwagen und zündeten Autos und Müllcontainer an. Polizisten in Schutzausrüstung trieben sie zurück.

Auch Gruppen gewalttätiger Kinder zwischen 10 und 14 Jahren waren unterwegs. Polizei und Feuerwehr schienen völlig überfordert. Mehr als 40 Polizisten wurden verletzt. Der amtierende Chef der Londoner Polizei Scotland Yard, Tim Godwin, rief alle Eltern auf, ihre Kinder zu kontaktieren. Die Menschen sollten die Straßen räumen. "Es sind viel zu viele Schaulustige auf den Straßen", sagte er. Die Polizei hat bereits 300 Beamte aus anderen Städten Großbritanniens nach London beordert. Von Anwohnern wurde der Einsatz der Armee gefordert.

Festnahmen wegen Verdacht des versuchten Mordes

Drei Menschen wurden wegen des Verdachts auf versuchten Mord festgenommen. Scotland Yard wirft ihnen vor, am frühen Dienstagmorgen mit einem Auto zwei Polizisten im nördlichen Londoner Stadtteil Brent angefahren zu haben. Ein Polizist sei ins Krankenhaus gebracht worden, der andere habe leichtere Verletzungen erlitten.

Der Vorfall ereignete sich nach Angaben der Polizei, als Beamte mehrere Autos anhielten, deren Insassen sie verdächtigten, an der Plünderung eines Elektromarkts beteiligt gewesen zu sein. Eines der Autos sei dann offenbar davongerast und habe zwei Beamte mitgerissen.

Allein in der Nacht zum Dienstag seien etwa 200 Randalierer festgenommen worden, sagte ein Sprecher von Scotland Yard. Seit Beginn der Unruhen am Wochenende stieg die Zahl der Festnahmen damit auf 450. "Alle unsere Zellen sind belegt. Wir mussten Gefangene an die Polizeistationen der Umgebung abgeben", sagte der Sprecher.

Die Polizei arbeitete nach eigenen Angaben an der Belastungsgrenze. 21.000 Notrufe seien in der Nacht eingegangen – vier mal so viele wie normal, hieß es. Laut Scotland Yard waren allein in London rund 6.000 Polizisten auf den Straßen. Trainingsmaßnahmen und Urlaube seien abgesagt worden. "Alle verfügbaren Einsatzkräfte sind im Einsatz."

Erstmals gab es auch in Birmingham, Liverpool und Bristol Randale. Im Zentrum von Birmingham wurden nach Polizeiangaben 87 Jugendliche festgenommen, nachdem sie Schaufenster eingeworfen und Auslagen geplündert hatten. Eine Polizeiwache wurde den Angaben zufolge von Randalierern in Brand gesetzt. In Liverpool wurden nach Polizeiangaben mehrere Autos in Brand gesetzt, in Bristol versuchten Polizisten, eine randalierende Meute von rund 150 Jugendlichen in Schach zu halten.

Die britische Innenministerin Theresa May verteidigte das Vorgehen der Polizei während der Krawalle gegen Kritik. "In Großbritannien halten wir niemanden mit Wasserwerfern zurück", sagte May in einem Fernsehinterview. Stattdessen setze sie auf die Mitarbeit der Menschen vor Ort. Sie rief die Eltern der randalierenden Jugendlichen und die Vertreter der Gemeinden auf, den Behörden dabei zu helfen, die Gewalttäter auf den Bildern der Überwachungskameras zu identifizieren.

Vize-Premier Clegg: "Unnötige und opportunistische Gewalt"

Großbritanniens Premierminister David Cameron brach wegen der Unruhen seinen Urlaub ab. Ein Sprecher sagte, Cameron habe eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates einberufen.

Zuvor hatten bereits Vize-Premier Nick Clegg und Innenministerin Theresa May ihre Urlaube vorzeitig beendet. Clegg besuchte ausgebrannte Häuser und Geschäfte und sprach von "unnötiger und opportunistischer Gewalt", die "absolut nichts mit dem Tod von Mark Duggan zu tun" habe.

Der Tod des vierfachen Familienvaters Duggan am vergangenen Donnerstag war der Auslöser der Krawalle in der Nacht zum Sonntag in London-Tottenham gewesen. Er wurde von einer Polizeikugel tödlich verletzt, als eine Spezialeinheit ihn im Zuge von Ermittlungen gegen Waffenkriminalität festnehmen wollte. Die Ermittlungen zu den Umständen des Todes liefen am Montag noch.

Die Familie des getöteten Mannes distanzierte sich von der Gewalt. Das sei nicht im Sinne des 29-Jährigen, sagte dessen Bruder. Bei den Tätern handle es sich offenbar um "Trittbrettfahrer", teilte Scotland Yard mit. Die Beamten seien schockiert über das Ausmaß der Gewaltbereitschaft. Seit Beginn der Unruhen wurden insgesamt 215 Menschen festgenommen. Innenministerin May kündigte an, Randalierer und Plünderer vor Gericht stellen zu lassen.

Die Problembezirke Tottenham und Brixton waren schon in den Achtziger Jahren Schauplatz gewaltsamer Ausschreitungen. Ein Gemeindeaktivist in Tottenham sagte, die derzeitigen Unruhen zeigten deutliche Parallelen zu der Gewalt im Viertel im Jahr 1985. Die Ausschreitungen seien eine Folge der hohen Arbeitslosigkeit und der aktuellen Kürzungen im Sozialwesen. 

Weitere aktuelle Informationen zu den Unruhen in London finden Sie auch in den Nachrichten-Blogs von Guardian, Reuters und der BBC.