ZEIT ONLINE: Herr Bude, erkennen Sie Ostdeutsche, bevor sie Ihnen verraten, wo sie herkommen?

Heinz Bude: Nur noch die Intellektuellen. Die glauben häufig, es gebe Machtstrukturen, die einen daran hindern, die Wahrheit zu sagen. Oder dass es Einflussstrukturen gibt, in die man hinein muss, wenn man etwas erreichen will. Ostdeutsche meinen das zu durchschauen.

ZEIT ONLINE: Und was macht Ostdeutschland heute sonst noch aus?

Bude: Es gibt kein Ostdeutschland mehr – zumindest nicht als gelebte soziale Struktur. Seit der Wende gab es dort einen gewaltigen Umbau des Oben und Unten. Ich glaube, dass die ostdeutsche Gesellschaft inzwischen stärker fragmentiert ist als die westdeutsche.

ZEIT ONLINE: Aber diese Umbrucherfahrung ist doch ein Identitätsmerkmal.

Bude: Stimmt. Nur muss man vorsichtig mit normativen Zuschreibungen sein. Die Ostdeutschen teilen wegen der Neusortierung ihrer Gesellschaft keine gemeinsamen Werte mehr.

ZEIT ONLINE: Es ist also ein Vorurteil, dass die Ostdeutschen einen stärker ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben?

Bude: Ja. Gerade jene, die die Gerechtigkeitsvorstellungen der alten Bundesrepublik ablehnen, sind in Ostdeutschland besonders stark vertreten. Zum Beispiel der ultrakapitalistische Leistungsindividualist, der gegen alle sozialen Errungenschaften ist: Gewerkschaften, Sozialdemokratie, Wohlfahrtsstaat. Ihn gibt es im Osten weit häufiger als im Westen. Interessanterweise ist aber selbst er in Auseinandersetzungen zwischen Ost- und Westdeutschland schnell bereit, sich ostdeutsch zu fühlen.

ZEIT ONLINE: Wie geht das denn zusammen?

Bude: Zwar existiert Ostdeutschland nicht mehr, doch das Ostdeutschsein ist eine emotionale und politische Realität, die schichtenübergreifend aufrufbar ist. Dazu gehört das Beitrittsphantasma: Das Sagen haben im heutigen Deutschland die, die zuerst da waren, die Westdeutschen. Das bedeutet für Ostdeutsche: Wir müssen uns immer als die behandeln lassen, die dazugekommen sind. Das wird sich auch noch längere Zeit halten.

ZEIT ONLINE: Wie gehen die Ostdeutschen damit um?

Bude: Ich beobachte vor allem zwei Reaktionen. Die beliebtere ist, sich unkenntlich zu machen. Angela Merkel ist ein schönes Beispiel dafür. Sie tritt kaum als Ostdeutsche in Erscheinung und zeigt eine dezidierte Nüchternheit gegenüber allen ideologischen Angeboten. Der andere Weg ist die dosierte Kenntlichmachung; zu sagen: Ich bringe einen anderen Stil mit. Maybritt Illner etwa sieht man immer noch die Ostdeutsche an, dieses Kecke, diese Ich-lass-mir-nichts-Sagen-Haltung. Ganz anders als diese Attitüde des Hineinkriechens von Sandra Maischberger.