Die verschwiegene Hungersnot – Seite 1

Während die Welt tagtäglich Bilder von Hungernden in Somalia erreicht, dringt aus einem anderen Land in der Region kaum eine Information an die Öffentlichkeit: Die Not hat auch Eritrea fest im Griff , fast ein Drittel der fünf Millionen Einwohner hungert oder ist mangelernährt, schätzen die Vereinten Nationen. Doch Präsident Isayas Afewerki sorgt mit diktatorischen Methoden dafür, dass die Welt davon kaum etwas mitbekommt.

Ganz kann die autoritäre Führung die Zustände in ihrem Land jedoch nicht unter Verschluss halten. Denn an den Grenzen zu Äthiopien tauchen mehr und mehr Flüchtlinge auf – trotz militärischer Sperranlagen und Patrouillen. Rund 1.000 waren es allein im vergangenen Monat, weitere 20.000 Eritreer werden ihr Land nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks bis Ende des Jahres noch verlassen.

Dennoch dementiert die Regierung Eritreas weiterhin, dass es überhaupt eine Hungerkatastrophe im Land gibt. "Wir haben keine Nahrungsmittelknappheit in Eritrea zu diesem Zeitpunkt", sagte Yemane Ghebreab, ein enger Vertrauter Afewerkis, einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zufolge. Im vergangenen Jahr habe es eine Rekordernte gegeben, hinzu kämen Importe, die bei einem Versorgungsengpass, der noch nicht eingetreten sei, helfen könnten: "Wir haben auch durch den Import von Nahrungsmitteln Vorräte angelegt, sodass wir für jeden Notfall gerüstet sind."

Alle Erkenntnisse der Internationalen Gemeinschaft widersprechen diesen Aussagen. Nach Ansicht der GfbV deuten schon allein aktuelle Satellitenbilder darauf hin, dass auch in dem Land am Roten Meer Dürre und damit Hunger herrschen.

"Wir gehen davon aus, dass die Notlage in Eritrea ähnlich schlimm ist wie im benachbarten Äthiopien, Kenia, Somalia", sagt die GfbV. Sie forderte die Regierung in der Hauptstadt Asmara auf, endlich Hilfe für die Dürreopfer ins Land zu lassen. Auch Eritreer, die aus ihrem Heimatland flüchteten, berichten von extremen Zuständen . Auf den Märkten in den Städten gebe es kaum noch etwas zu kaufen.

Keine Pressefreiheit, Folter und willkürliche Exekutionen

Afewerkis Regierung verhindert derweil, dass abweichende Meinungen aus Eritrea in die Welt gelangen. Hilfsorganisationen mussten ihre Mitarbeiter größtenteils abziehen, Journalisten aus westlichen Ländern bekommen nur selten Visa. Auf der jährlich erscheinenden Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen belegt Eritrea seit Jahren den letzten Platz – noch hinter Nordkorea.

Offiziell gibt sich das Land als Präsidialrepublik, de facto ist es eine Diktatur. Seit 1994 ist Afewerki an der Macht, frei gewählt wurde noch nie. In den eritreischen Gefängnissen seien Folter und willkürliche Exekutionen an der Tagesordnung, berichten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International . Die UN bezeichnete Eritrea als eines der repressivsten Länder der Welt.

Das Regime verhindert nicht nur aktiv, dass der Not leidenden Bevölkerung geholfen wird, es verschlimmert darüber hinaus auch die Situation in Somalia. Denn schon lange unterstützt es alles, was dem verhassten Nachbarn Äthiopien irgendwie schaden könnte –  beispielsweise die Al-Shabaab-Milizen, die in Somalia einst die äthiopischen Truppen und nun die Regierung in Mogadischu bekämpfte. Laut UN werden die Islamisten auch von Afewerkis Regierung finanziert.

Schon 2009 verhängte der UN-Sicherheitsrat deswegen Sanktionen gegen das Land. Beeindruckt hat dies das Regime nicht. Nach wie vor leistet sich das bitterarme Land eine der größten Armeen Afrikas. Rund 200.000 Soldaten, oft Jugendliche, hält es unter Waffen. Für Hungernde bleibt da nicht viel Geld übrig.