ZEIT ONLINE: Frau Lopez, Sie haben gestern erlebt, wie die Krawalle in Ihrem Wohnort in Salford bei Manchester angekommen sind . Was ist passiert?

Janita Lopez:  Ich wohne im Herzen von Salford in einer Reihenhaussiedlung. Neben uns ist ein Einkaufszentrum, die Salford Shopping City, das war das Zentrum der Unruhen. Wir wollten nachmittags in den Park gehen, als uns einige Mitarbeiter vom Lidl hinter unserem Haus davor gewarnt haben. Die Polizei habe schon alle Geschäfte geschlossen. Zu der Zeit versammelten sich bereits etwa 50 bis 100 Jugendliche am Einkaufszentrum. Am frühen Abend ist die Situation dann eskaliert. Bis ungefähr halb neun haben sich Leute in Kapuzenpullis Kämpfe mit der Polizei geliefert. Die Polizisten konnten nur reagieren und haben ihre Schilde hingehalten, wenn sie mit Steinen beworfen wurden. Ich konnte das gar nicht glauben, normalerweise sieht man so etwas nur im Fernsehen und auf einmal passiert es direkt vor der Haustür. Das war sehr, sehr erschreckend.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie sehen, wie viele Polizisten im Einsatz waren?

Janita Lopez: Aus dem Fenster konnte ich 30 bis 40 Polizisten sehen, die gegen etwa 100 Randalierer antraten. Acht Stunden lang flog ein Polizeihubschrauber über die Häuser. Unser Viertel kam mir fast vor wie ein Kriegsschauplatz. Die Krawalle waren so schnell entstanden und so unübersichtlich. Wir haben Schreie gehört, als die Polizei die Leute dann mit Hunden gejagt hat.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Angst?

Janita Lopez: Ja, auf jeden Fall. Ich habe zwei Kinder, meine Tochter ist fast sieben, die hat geweint und gefragt, was die Leute machen. Ich habe versucht, sie zu beruhigen und ihr gesagt, die kommen nicht zu unserem Haus – das versucht man selbst auch die ganze Zeit zu glauben, aber man weiß es nicht. Ich hatte gestern Geburtstag. Das wird wahrscheinlich der Geburtstag sein, an den ich mich am besten erinnern werde.

ZEIT ONLINE: Sie hatten Sorge, dass auch die Wohnhäuser angegriffen werden?

Janita Lopez: Der Lidl, der angezündet und ausgeraubt wurde, ist keine hundert Meter von uns entfernt. Von dort haben die Jugendlichen Steine auf die Polizisten geworfen und sie hätten sie eben auch hierher werfen können. Ich konnte nicht abschätzen, was als nächstes passiert. Ich habe dann überlegt, ob in London irgendwann mal Wohnhäuser angegriffen wurden. Da ich glaubte, dass das nicht geschehen ist, habe ich mich damit beruhigt. Ich habe zwei Kinder zu versorgen und darf keine Panik verbreiten.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation heute?

Janita Lopez: Den ganzen Vormittag war es ruhig. Ich habe auch schon im Fernsehen gesehen, dass die Aufräumarbeiten begonnen haben und dass sich viele Freiwillige beteiligen. Ich selbst werde heute trotzdem nicht rausgehen. Mein Mann ist aber zur Arbeit gefahren. Die Straßenblockaden sind, soweit ich weiß, alle wieder beseitigt – es ist auch ruhig. Sowohl in Salford als auch in Manchester ist überall Polizei auf der Straße, die versucht zu verhindern, dass sich wieder etwas entwickelt.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Menschen in Ihrem Viertel reagiert?

Janita Lopez: Viele Nachbarn sind weggefahren, haben sich in Sicherheit gebracht. Das gab uns noch mehr das Gefühl, dass es hier gefährlich ist. Ich habe Freunde und Bekannte angerufen, wir haben uns gegenseitig Mut gemacht.

ZEIT ONLINE: Hatten sich die Krawalle denn schon angekündigt?

Janita Lopez: Nur dadurch, dass gestern über den Nachmittag schon Geschäfte angezündet wurden und es immer mehr wurden – zu Anfang dachte ich noch, das ist schnell wieder vorbei, wir sind ja hier nicht in London. Aber so war es nicht.