Samstag Abend: Die Gewalt ist noch weit weg. Ich sehe die Bilder plündernder Jugendlicher in Tottenham im Fernsehen, sehe die kreisenden Hubschrauber in der Ferne. Ich lebe seit neun Jahren in Islington in Nordlondon, ich liebe diese Stadt, ihre Toleranz, ihre Höflichkeit, ihren Stolz, die Vielfalt der Viertel und Bewohner. Von meiner Wohnung bis nach Tottenham sind es rund sieben Kilometer, eine scheinbar sichere Distanz. Und überhaupt: Ausschreitungen nach einer friedlichen Demonstration – so etwas passiert eben in einer Großstadt.

Am Sonntag werden die Nachrichten realer, näher und bedrohlicher: Jugendliche haben Läden in Enfield, im südlichen Brixton und sogar im Stadtzentrum bei Oxford Circus zerstört. Tottenham kenne ich nicht sehr gut, die Gegend um Oxford Circus dafür umso besser, und ich habe Freunde, die in Brixton wohnen. Wir rufen uns an, warten ungeduldig auf Politiker, Experten, die irgendeine Erklärung für das geben können, was wir live auf dem Bildschirm sehen: Brennende Häuser mitten in unserer Stadt, Jugendliche, die Läden plündern, Polizisten, die offenbar hilflos agieren. Aber niemand kann es wirklich erklären.

Montagmorgen: Kaffee kochen, Fernseher einschalten. Zum Frühstück gibt es die Bilder der vergangenen Nacht. Aus Häuserdächern lodern Flammen, berittene Polizei bekommt die Lage nicht unter Kontrolle. Auf meinem Weg ins Büro fällt mir die Polizeipräsenz auf – auch in Gegenden, die von den Krawallen verschont geblieben sind. Im Büro gibt es kein anderes Thema mehr. Wir versuchen uns in Galgenhumor: "Na, welches Geschäfte wollen wir denn heute Nacht plündern?", "Ich brauche einen neuen Computer, vielleicht auch mal wieder neue Turnschuhe." Uns wird mit jeder Stunde mulmiger, jeder fragt sich: Was wird heute Abend passieren?

Um 17:30 Uhr bekomme ich eine SMS auf mein Handy: die Victoria-Line ist im Süden der Stadt auf Anforderung der Polizei geschlossen. Die Victoria Line ist meine U-Bahnlinie, sie fängt in Brixton an, fährt durch Oxford Circus, Highbury & Islington und Tottenham Hale. Ich werde also nach Hause laufen. Ich entscheide mich, meinen Tag wie geplant zu verbringen, und gehe nach der Arbeit ins Fitnessstudio. Schon an der Rezeption höre ich, wie einer der Angestellten früher nach Hause möchte. Ein anderer zeigt auf die Bilder geplünderter Geschäfte im Fernsehen und sagt: "Das ist mein Supermarkt, ich wohne direkt um die Ecke!" Ich streiche mein Jogging auf dem Laufband und mache mich auf den Heimweg. Es ist ruhig in den Straßen, die ich passiere.

Abends vor dem Fernseher weicht mein Unverständnis der Fassungslosigkeit. Ich starre auf den Bildschirm, sehe brennende Gebäude in verschiedenen Stadtteilen Londons, höre, dass sowohl der Premierminister David Cameron, als auch der Bürgermeister Boris Johnson ihren Urlaub abgebrochen haben und auf dem Rückweg nach London sind. Aus dem Fenster sehe ich Dutzende Helikopter im Nachthimmel über der Stadt kreisen. Es geht auf Mitternacht zu, der Fernseher läuft ununterbrochen. Auf Facebook berichten Freunde von Polizeikolonnen, die an ihren Häusern vorbeifahren. Plötzlich ertönen auch vor meinem Haus Sirenen. Ich suche den Himmel nach Rauchschwaden ab.