In der heißen Madrider Abendluft wehen auf der Plaza de Cibeles Flaggen aus den USA, aus Brasilien, Polen, dem Jemen, Frankreich, der Türkei, aus Mexiko und Deutschland. Aus 192 Ländern sind junge Katholiken in die spanische Hauptstadt gereist, wo am Dienstagabend mit einer feierlichen Eröffnungsmesse der katholische Weltjugendtag (WJT) begonnen hat. Knapp eine halbe Million Jugendliche haben sich auf dem Platz vor dem Madrider Rathaus getroffen.

Mitten in der Menge stehen auch Jan, Stefan und Jonathan aus dem niedersächsischen Friesoythe bei Oldenburg. Sie wollen junge Leute aus anderen Ländern kennenlernen, die genau so denken wie sie. "Zu Hause in der Schule wird man oftmals sogar ausgelacht, wenn man erzählt, dass man zum Gottesdienst geht", sagt der 15-jährige Jan. In seiner Heimatkirche sei man häufig der einzige Jugendliche unter vielen älteren Menschen. Hier jedoch erlebe er seine Kirche als jung, lebendig und dynamisch. Die drei nehmen an Katechesen und Gebetsstunden teil und erkunden die spanische Metropole, die von dem jugendlichen Heer in gelb-roten T-Shirts und mit Pilgerrucksäcken auf dem Rücken regelrecht eingenommen wurde.

Jan, Stefan und Jonathan übernachten in einer Sporthalle in einer Madrider Vorstadt mit anderen WJT-Gruppen aus Brasilien und Italien. Sie sprächen zwar nicht die gleiche Sprache, fühlten sich aber doch im Glauben geeint, sagt Jonathan. Das Bild der "universalen Weltkirche" werde auch in der Heimat gepredigt, aber hier könne man verstehen, was es bedeutet.

Hört man den drei Freunden zu und schaut sich die Massen junger Pilger an, könnte man glauben, dass das diesjährige WJT-Motto, "In Ihm verwurzelt und auf Ihn gegründet, fest im Glauben", perfekt auf die heutige Jugend passt.

"Dieser Eindruck täuscht jedoch", versichert Roberto Barbeito, Professor für Soziologie an der Madrider Juan-Carlos-Universität. Wie in Deutschland oder anderen europäischen Ländern ginge selbst im traditionell erzkatholischen Spanien die Zahl praktizierender Katholiken unter den Jugendlichen zurück. In den vergangenen zehn Jahren sank sie von 30 auf zehn Prozent, belegte auch die jüngste Umfrage des spanischen Jugendinstituts im April. Umgekehrt stieg die Zahl derjenigen, die sich als Atheisten bezeichnen, im selben Zeitraum von zehn auf 30 Prozent. Nur noch knapp 55 Prozent der Jugendlichen nannten sich überhaupt noch als katholisch.

"Generell haben die Jugendlichen in Spanien den Eindruck, die Kirche sei in der Vergangenheit stehen geblieben. Die Distanz wird dabei durch die zunehmende Kluft zwischen ihrem realen Leben und den moralischen Werten der Kirche noch vergrößert", erklärt Soziologe Barbeito. Der Konflikt zwischen der sozialistischen Regierung von Ministerpräsident Zapatero und der spanischen Kirche stärkt diesen Eindruck noch. Denn in den vergangen Jahren hat die Regierung Gesetze verabschiedet wie die Legalisierung von homosexuellen Ehen oder die Liberalisierung von Abtreibungen, die die Kirche als feindlich empfand. "Die Jugendlichen wurden jedoch darin bestätigt, dass ihre Einstellung die richtige sei und nicht die der Kirche", sagt der Soziologe.