Lenze sieht noch weitere Probleme in der Berechnung des Existenzminimums , die auch die beiden Wissenschaftler in ihren Gutachten explizit benennen. So wurden Haushalte, die in verdeckter Armut leben, aus der Vergleichsgruppe nicht heraus gerechnet. Als "verdeckt arm" gelten Menschen, deren Einkünfte unter dem Existenzminimum liegen – die aber keine Sozialleistungen beantragen. Schätzungen beziffern ihre Anzahl auf vier bis fünf Millionen Menschen in Deutschland. Als Maßstab benötige man aber Haushalte, die zwar ein geringes Einkommen haben, deren Einkünfte aber nicht unterhalb des Existenzminimums liegen, so Becker. "So werden die Hartz-IV-Sätze nach unten gedrückt." 

Auch das von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen durchgesetzte Bildungspaket bemängeln die Forscher. Es gewährt Kindern eine Pauschale von zehn Euro im Monat, die sie für den Sportverein oder den Musikunterricht ausgeben können. "Wer ein anderes Hobby hat, also gerne
Inliner fährt oder ins Freibad geht, geht leer aus", kritisiert auch die Sozialrechtlerin Anne Lenze. Das Bildungspaket gehe damit an den Bedürfnissen vieler Kinder und Jugendlicher vorbei.

Ob sich daran schnell etwas ändert, ist jedoch fraglich. Die Linke würde zwar gerne vor das Bundesverfassungsgericht ziehen und die Berechnungen der Bundesregierung erneut prüfen lassen, bräuchte dafür aber die Stimmen von SPD und Grünen. Die halten sich jedoch bedeckt. "Auch ich halte die gegenwärtige Berechnung der Regelsätze für verfassungsrechtlich zweifelhaft und teile viele der im Gutachten formulierten Bedenken", sagte Anette Kramme, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Doch die SPD hat Anfang des Jahres den Kompromiss zur Hartz-IV-Reform mitgetragen, und kann nun kaum gegen ihr eigenes Gesetz klagen. Auch die Grünen wollen sich auf eine Klage gemeinsam mit den Linken bislang nicht einlassen.

Im Bundesarbeitsministerium bleibt man deshalb erst einmal gelassen. Zwar hat auch der Deutsche Gewerkschaftsbund eine Klage angekündigt, aber "man habe die verfassungsrechtlichen Vorgaben, das Existenzminimum zu sichern, erfüllt", sagt eine Sprecherin. "Wir sehen deshalb derzeit keine Basis, um noch einmal nachzujustieren." Stattdessen will das Ministerium eigene Forscher beauftragen, die bis zum Sommer 2013 die Berechnungen der Hartz-IV-Sätze prüfen sollen.

Forscherin Becker kann diese Tatenlosigkeit nicht nachvollziehen. Um auch Langzeitarbeitslosen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, sagt sie, helfe deshalb nur eins: die Hartz-IV-Sätze neu zu berechnen.