All das, was im Freitagsgebet in der Moschee gepredigt werde, Zusammenhalt, Ehrlichkeit, Menschlichkeit, führe der Alltag in dieser Stadt ad absurdum, so Ünlü. In seiner Zeit in der Türkei flog er immer wieder für einige Tage nach Deutschland, um sich zu erholen, wie er sagt. Seinen Wagen schaffte er ab; der Versuch, sich im Verkehr der Riesenstadt zu behaupten, sei einfach lebensgefährlich gewesen.

In Geschäftskontakten kam Ünlü mit Managern zusammen, die an türkischen Privat-Colleges und an Elite-Universitäten ausgebildet wurden, Kinder reicher Familien. Als "Gastarbeiterkind" aus Deutschland bekam er den Snobismus eines unsichtbaren sozialen Kastensystems zu spüren. Mitleidig wurde er gefragt, ob denn seine Mutter in Deutschland Toiletten geputzt habe. Ünlü fühlte sich fremd in der Heimat der Eltern. Die Beziehung, für die er nach Istanbul gekommen war, scheiterte. So entschied er, wieder in die deutsche Heimat zu ziehen.

Die Soziologie bezeichnet solche Wanderungsbewegungen, deren Akteure nicht in das klassische Schema der Migration passen, als Transmigration. Zugehörigkeiten wechseln, Menschen wandern zwischen Wohnorten und Kulturen hin und her. Auch ein transnationales soziales und berufliches Netz ist kennzeichnend für diesen mittlerweile gar nicht mehr so seltenen Lebensstil. Für die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter gilt außerdem, dass sie die Migrationserfahrung der Eltern aufgreifen und sie unter anderen Kennzeichen fortführen, als müsse ein generationenübergreifender Erfahrungskreis geschlossen werden.

Der Wegzug aus Deutschland hat für Emine Sahin, Yildiz Taylan und Nedret Ünlü wie ein Katalysator gewirkt. Sie haben sich mit den Themen Eigenes und Fremdes, Identität und Heimat ganz praktisch auseinandergesetzt. Enttäuscht wurde dabei die Erwartung, man werde es im Herkunftsland der Familie einfacher haben – das Gegenteil war der Fall. Einfacher wird es wider Erwarten danach in Deutschland. Alle drei erleben sich jetzt mehr denn je zugehörig zum Land ihrer Sozialisation, zu Deutschland.