Papst Benedikt XVI. hat zu Beginn seines ersten offiziellen Staatsbesuchs in Deutschland eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft gegenüber der Religion beklagt. Sie sei notwendig als Grundlage für ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft, sagte der Papst bei seiner Rede vor Mitgliedern der Bundesregierung und anderen Würdenträgern im Garten von Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten in Berlin.

In seiner Rede hob Benedikt den religiösen Charakter seiner Reise durch Deutschland hervor. Er sei "nicht in erster Linie hierher gekommen, wie es andere Staatsmänner tun, um bestimmte politische oder wirtschaftliche Ziele zu verfolgen, sondern um den Menschen zu begegnen und mit ihnen über Gott zu sprechen", sagte der Papst.

Im Anschluss traf der Papst Bundeskanzlerin Angela Merkel und sprach mit ihr über die die Schuldenkrise. "Wir haben über Finanzmärkte gesprochen, über die Tatsache, dass die Politik schon die Kraft haben sollte, für die Menschen zu gestalten und nicht getrieben zu sein", sagte die Kanzlerin. Dies sei eine sehr große Aufgabe in der Zeit der Globalisierung.

Auch Europa sei Thema der Unterredung gewesen, sagte Merkel. "Ich habe hier noch einmal sehr, sehr deutlich gemacht, dass die europäische Einigung für uns Deutsche unverzichtbar ist." Sie bedeute Wohlstand und Freiheit.

Um 16.15 Uhr wird der Papst im Bundestag sprechen. Abgeordnete des Bundestages hatten kritisiert, dass Benedikt nicht als Staatsoberhaupt, sondern als Religionsführer wahrgenommen werde und daher seine geplante Rede im Bundestag im Widerspruch zur Trennung von Staat und Religion stehe. Etwa 100 Parlamentarier wollen den Auftritt unter anderem deshalb boykottieren.

Wulff spielt auf Missbrauchsskandal an

In seiner Rede zur Begrüßung des Papstes brachte Bundespräsident Christian Wulff verhalten Kritik an der katholischen Kirche vor. Wichtig sei, dass die Kirchen den Menschen nahe blieben, dass sie sich trotz Sparzwängen und Priestermangel nicht auf sich selbst zurückzögen. Kirche sei keine Parallelgesellschaft, sondern lebe mitten in der Gesellschaft. Deshalb stelle sich auch immer wieder die Frage: "Wie barmherzig geht sie mit den Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern?"

Damit spielte Wulff auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche an und auf die Situation wiederverheirateter Geschiedener, die sich die Teilnahme an der Kommunion wünschen.

Nach der festlichen Begrüßung war etwa eine halbe Stunde für ein Gespräch von Wulff und Benedikt unter vier Augen vorgesehen. Auch eine Begegnung mit der Familie des Bundespräsidenten ist geplant. Der Katholik Wulff ist in zweiter Ehe verheiratet. Mit seiner Frau Bettina hat er einen gemeinsamen Sohn. Frau Wulff hat ihren Sohn mit in die Ehe gebracht.

Nach dem Treffen mit Merkel hält der Papst eine Rede im Bundestag. Später am Tag ist eine Messe vor rund 70.000 Gläubigen im Olympiastadion vorgesehen.