Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat eine gemischte Bilanz des Treffens mit Papst Benedikt XVI. gezogen. Er sei nicht zufrieden, weil weiter wichtige Fragen der Klärung bedürften, sagte er nach dem Spitzengespräch der beiden großen Kirchen in Erfurt. Schneider betonte aber auch die positive Seite des Treffens. Es sei ein "sehr ernstes, tiefes und geschwisterliches" Treffen gewesen.

Schneider sprach gegenüber der katholischen Delegation den Wunsch nach konkreten Schritten zu mehr Gemeinsamkeit aus. Er forderte beispielsweise mehr Anstrengungen für Paare mit unterschiedlicher Konfession. "Die reale Lebenssituation der Menschen muss diese Frage antreiben und bestimmen." Der katholische Kardinal Kurt Koch sagte dagegen, dass die geforderte Abendmahlgemeinschaft nach katholischem Verständnis ohne Kirchengemeinschaft schwer vorstellbar sei.

Auch Benedikt der XVI. ging nicht – wie gehofft – auf den Wunsch der EKD ein. Stattdessen verwies er darauf, dass der christliche Glaube in Deutschland immer mehr an den Rand gedrängt werde. "Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen", sagte er. Die Bewahrung des Glaubens sei die wichtigste gemeinsame Aufgabe der getrennten christlichen Konfessionen. "Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube."

Dass die Frage nach der gemeinsamen Kommunion offen blieb, war in den Augen der Vereinigten Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) zu erwarten. Der Leitende Bischof, Johannes Friedrich, sagte, die deutschen katholischen Bischöfe könnten nach katholischem Kirchenrecht in dieser Sache längst selbst entscheiden, wie dies bereits die australische und die kanadische Bischofskonferenz getan haben. Er hoffe, dass der Papst "intern die deutschen Bischöfe dazu ermuntert, einen entsprechenden Beschluss zu fassen".

Der Besuch des Papstes habe gezeigt, dass der Gesprächsfaden nicht abreiße, sagte Friedrich: "In der Summe war es ein offenes, freundliches und auf eine ökumenische Zukunft gerichtetes Gespräch." EKD-Ratschef Schneider betonte die Hoffnung, dass die beiden Kirchen auf dem Weg zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 zu mehr vertrauensvoller Gemeinsamkeit und aktivem Zusammenwirken finden.

Würdigung der Arbeit Luthers

Der Papst hingegen hatte den Wunsch nach schnellerer Annäherung von katholischer und protestantischer Kirche zurückgewiesen, das grundsätzliche Anliegen der Theologie Martin Luthers jedoch herausgestellt. Schneider begrüßte ausdrücklich diese Würdigung des Reformators Luther durch Benedikt XVI. Auch die Bereitschaft des Vatikans zu einem Treffen in jenem Augustinerkloster, in dem Luther vor rund 500 Jahren als Mönch lebte, war bereits als versöhnliche Geste gesehen worden.

Am Vormittag hatte der Papst in Berlin Vertreter islamischer Verbände und Gemeinden getroffen. Dabei hatte Benedikt XVI. gewürdigt, dass zwischen der katholischen Kirche und den muslimischen Gemeinschaften in Deutschland inzwischen ein "Klima des Respekts und des Vertrauens" gewachsen sei. Er bezeichnete die in Deutschland lebenden Muslime als ein Merkmal Deutschlands.