Die Gewalttat in Nordrhein-Westfalen und die sieben Fälle in Sachsen-Anhalt stehen auf der Liste, die der Tagesspiegel und die ZEIT seit dem Jahr 2000 recherchiert und zuletzt im September 2010 aktualisiert hat. Die Zeitungen kamen vor Bekanntwerden der Taten der Terrorzelle auf 138 Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung, Bundesregierung und Polizei nannten im September 2011 lediglich 48 Tote. Diese Zahl, das ahnen Politiker in allen Parteien, dürfte viel zu niedrig sein.

Schon bei den sieben Fällen aus Sachsen-Anhalt wirkt fragwürdig, dass sie in keiner offiziellen Statistik zu rechten Tötungsverbrechen auftauchen. Es geht um Verbrechen aus den Jahren 1993 bis 2008. Der erste Fall: Im April 1993 erschlägt ein rechtsextremer Skinhead in Obhausen (Saalekreis) einen Wehrpflichtigen. Zweiter Fall: In Quedlinburg treibt eine rechte Clique im April 1994 einen Obdachlosen in einen Fluss, das Opfer ertrinkt. Dritter Fall: In Löbejün (Saalekreis) quälen Rechtsextremisten einen geistig behinderten Mann zu Tode.

Der vierte Fall ist der des erstochenen Helmut Sackers. Fünfter Fall: Fünf Rechtsextreme treten im März 2001 einen Mann in Milzau (Saalekreis) zu Tode. Sechster Fall: Im Januar 2004 töten rechte Schläger einen Obdachlosen in Burg (bei Magdeburg). Siebter Fall: Zwei Rechtsextreme erschlagen im August 2008 einen Obdachlosen in Dessau. Im Prozess am Landgericht Dessau kommt die Gesinnung der Täter zur Sprache, doch ein rechtes Motiv sieht die Kammer nicht.

Es dürfe "nichts unter den Teppich gekehrt werden", betont Innenminister Stahlknecht, "das ist sich der Rechtsstaat schuldig". Es bleibt allerdings offen, ob rechte Tötungsverbrechen noch offiziell als solche anerkannt werden können, wenn ein Gericht sich nur vage oder gar nicht zur Gesinnung der Täter geäußert hat.

Erschienen im Tagesspiegel