Der Demonstrant beugt sich nach vorn, hustet kräftig, spuckt auf den Asphalt. Hustet noch einmal, dann reibt er sich ein Taschentuch über die Augen. Vor ihm schießen die ägyptischen Sicherheitskräfte mit Tränengas. Ein weiterer Demonstrant kommt hastig angelaufen, greift ihm an die Schulter und reibt ihm Essig ins Gesicht.

Es ist ein Junge, nicht älter als zwölf Jahre, der mit den Wirkungen des Tränengases kämpft. Seine Hose ist dreckig, seine Augen stark gerötet. Er lacht kurz auf und rennt wieder davon. Mitten in die Menge hinein. Dort wo gekämpft wird.

Es ist lebensgefährlich. Seit Samstagmittag riecht es nach Tränengas in den Straßen von Kairos Zentrum. Auf dem Tahrir-Platz sammeln sich mehr und mehr Menschen. Muslime, Kopten, Atheisten, Liberale, Linke, Frauen, Männer, selbst Kinder. Und mehr Arme als Reiche. Trotz der angeblichen Unterschiede haben sie meist nur Eines im Sinn: Den Sturz des Feldmarschalls Hussein Tantawi, der nach dem Sturz von Hosni Mubarak das Land am Nil regiert. Gemeinsam mit dem Militärrat.

"Wir haben es satt", sagt ein junger Mann, der auf einer Wiese eine kurze Pause macht. Auch seine Augen sind gerötet. "Wir wollen endlich in Freiheit leben. Und wir bleiben so lange hier, bis wir frei sind." Er sieht optimistisch aus. Trotz des Chaos, das sich nur einige Meter vor ihm abspielt. Ärzte haben ein Lazarett aufgebaut, Decken sind auf dem Boden ausgelegt. Sie tragen weiße Kittel, sie reagieren in Windeseile auf die zahlreichen Verletzten, die herbeigetragen werden.

Demonstranten haben sich schützend aufgereiht, um den Weg für die Motorräder und Mopeds frei zu machen, die die Verletzten von der Demonstrationsfront zu den Ärzten bringen. Im Sekundentakt rasen sie hupend durch die Menge. Meist fahren drei Personen auf einem Motorrad. Der Verletzte befindet sich dann in der Mitte. Oft blutend im Gesicht oder am Kopf. Oder bewusstlos vom Tränengas. Doch die Gefahr scheint viele Demonstranten nicht davon abzuhalten, gegen die Sicherheitskräfte zu kämpfen. Mit Steinen und Molotow-Cocktails lassen sie ihrer Wut freien Lauf.

"Mir ist es egal, ob ich sterbe", behauptet eine junge Frau. "Die Regierung tritt uns seit Jahren in den Arsch. Nun ist es Zeit, dass wir alle zurücktreten", sagt sie lächelnd. Und das, obwohl sie am Samstagmorgen von Sicherheitskräften verprügelt wurde. "Ich hatte sie als Arschlöcher bezeichnet und dann haben sie mich mit ihren Stöcken verdroschen. Aber ich bin stark. Ich kämpfe weiter." Nicht nur die politischen Forderungen scheinen die Menschen auf dem Tahrir-Platz derzeit zu vereinen.

Es ist ein unbeschreiblicher Mut, der die Demonstranten auf die Straßen treibt. Sie haben aus den vergangen Protesten im Januar und Februar gelernt. Diesmal tragen viele von ihnen Taucherbrillen oder haben sich Motorradhelme aufgesetzt, um sich vor Tränengas und Gummigeschossen zu schützen. Auf dem Tahrir-Platz werden nicht nur Tee und heiße Kartoffeln verkauft, es gibt sogar Atemschutzmasken im Angebot. Die mit einem Schutzfilter kosten zehn, mit zwei Filtern zwanzig Pfund. Es scheint so, als ob sich die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz und den Seitenstraßen Kairos auf einen langen Kampf eingestellt haben.