ZEIT ONLINE: Gutachter halten Anders Behring Breivik für unzurechnungsfähig . Der Mann, der 77 Menschen getötet hat, soll unter paranoider Schizophrenie leiden. Wie kann ein Mensch unzurechnungsfähig sein, der seine Taten über einen so langen Zeitraum geplant hat?

Norbert Leygraf:Dass er an Schizophrenie leidet , heißt ja nicht, dass er nicht denken kann. In der Psychiatrie unterscheiden wir zwischen dem exekutiven Steuerungsvermögen, der Fähigkeit etwas zu planen oder vorzubereiten, und dem motivationalen Steuerungsvermögen, also dem, was einen Menschen antreibt. Bei Breivik ist offenbar die Motivation das Krankhafte. Dass solche Menschen als nicht schuldfähig angesehen werden, dafür gibt es auch Beispiele in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Können Sie einen solchen Fall nennen? 

Leygraf: Ein Paradebeispiel ist der Lehrer Ernst August Wagner. Er litt über viele Jahre unerkannt an einer Wahnerkrankung und hat 1913 erst seine Frau sowie seine vier Kinder und dann neun weitere Menschen getötet. Wagner hatte wie Breivik vor seinen Taten einen langen Text geschrieben. Auch Wagner zeigte darin einen Größenwahn, er hatte den Text an "sein Volk" geschrieben. Es ist frappierend, wie sehr sich beide Fälle ähneln.

ZEIT ONLINE: Was sind Kennzeichen einer paranoiden Schizophrenie?

Leygraf: Schizophrenie tritt relativ häufig auf: Ein Prozent der Bevölkerung erkrankt im Lauf des Lebens daran. Die Erkrankung zeigt sich dabei in sehr unterschiedlichen Formen. Bei den einen ist das formale, logische Denken gestört. Bei anderen Patienten ist der Affekt beeinträchtigt. Das heißt, es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Betroffenen erleben und dem, was sie darüber anderen Menschen berichten. Dieses Foto von Breivik , auf dem er nach seiner Festnahme in einem Auto sitzt und vor sich hinlächelt, erinnert mich stark an eine solche schizophrene Affektstörung. Weitere Symptome von Schizophrenie können ein Wahn oder akustische Halluzinationen sein. Diese Merkmale müssen aber nicht alle bei einem Patienten auftreten. 

ZEIT ONLINE: Wird ein solcher Wahn durch ein einzelnes Ereignis ausgelöst, oder ist es eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzieht?

Leygraf: Es ist eine Erkrankung, von der man weiß, dass sie eine nicht geringe erbliche Komponente hat und bei der leichte frühkindliche Hirnschädigungen oder bestimmte Erlebnisse eine Rolle spielen können. Allerdings werden Erlebnisse überbewertet: Schizophrenie muss im Menschen angelegt sein.

ZEIT ONLINE: Wie kontrolliert ist das Verhalten schizophrener Menschen?

Leygraf: Die meisten schizophrenen Patienten können nicht kontrolliert und logisch handeln, weil sie gedanklich so verworren sind, dass sie gar nicht in der Lage wären, eine solche Tat zu planen. Die Gefährlichkeit von Schizophrenie für andere Menschen wird überschätzt. Aber es gibt eben eine Untergruppe, zu der Breivik gehört: Menschen, die schon relativ lange erkrankt sind, bei denen diese formalen Denkstörungen nicht oder nicht mehr auftreten, und bei denen ein Wahn das Denken dominiert. Ein weiteres Beispiel für paranoide Schizophrenie in Deutschland ist Adelheid S., die 1990 versucht hat, Oskar Lafontaine umzubringen. Auch sie hat ihre Tat lange im Voraus geplant und überlegt, wie sie an Lafontaine herankommt, um ihm ein Messer in den Hals zu stechen.

ZEIT ONLINE: Breivik hat ein über 1.500 Seiten umfassendes Manifest verfasst, in dem er teils krude, teils sehr gefährliche Thesen formuliert hat. Sind sie durch die Diagnose der Unzurechnungsfähigkeit nun anders einzustufen?