In den nächsten Tagen werden sie wieder kommen, die Briefe. "Landfriedensbruch" steht dann da, oder "Widerstand gegen die Staatsgewalt", daneben ein imposanter Behörden-Briefkopf. "Wer das noch nicht kennt, bekommt da einen ganz schönen Schrecken", sagt Hans-Werner Zachow. Der 56-jährige Bauer aber bekommt schon lange keinen Schrecken mehr, denn er kriegt solche Briefe schon seit 30 Jahren. "Wenn man so lange dabei ist, wird man da ruhiger, das bleibt nicht aus."

Zachow ist einer der Sprecher der bäuerlichen Notgemeinschaft im niedersächsischen Wendland, die seit 31 Jahren gegen das Atommüll-Lager in Gorleben und die Castor-Transporte protestiert. Erst am Sonntag haben vier ihrer Mitglieder fast 16 Stunden lang die Gleise blockiert, indem sie sich an eine aufwendig konstruierte Beton-Pyramide ketteten , die selbst die Polizei überforderte. Inzwischen sind die Castor-Behälter in Gorleben angekommen, und für Bauer Zachow und seine Mitstreiter beginnt der andere Teil ihrer Arbeit, nicht so öffentlichkeitswirksam, aber kaum weniger aufwendig. Ihr Engagement verlagert sich von den Schienen und Straßen an die Schreibtische: Von nun an kämpfen sie wieder mit den juristischen Folgen und finanziellen Forderungen – wie jedes Mal nach einem Castor-Transport.

"Bis Weihnachten sind wir damit erst mal vollauf beschäftigt", sagt Zachow. Er klingt gelassen dabei. Dabei bekommen er und seine Mitstreiter jedes Mal Dutzende bis Hunderte Strafanzeigen. Zachow aber kann sich auf ein professionelles Netzwerk von Unterstützern verlassen, und vor allem auf die Solidarität unter den Bauern und ihren Sympathisanten.

Die Bauern helfen sich untereinander

Wenn einer der Aktivisten Probleme bekommt, dann fangen ihn die anderen auf. Vor einigen Jahren zum Beispiel, so erzählt Zachow, wurde einem von ihnen der Führerschein für ein Jahr abgenommen, weil er mit seinem Traktor auf einen Polizisten losgefahren sein soll. "Ein Landwirt ohne Führerschein ist berufsunfähig", sagt Zachow. Da haben die Bauern aus der Nachbarschaft ausgeholfen, haben den Hof des Verurteilten ein Jahr lang mit geschmissen.

Wenn es um Geld geht, sind die Wendländer vor allem auf Spenden angewiesen. Mehrere Hunderttausend Euro, so schätzt Sprecher Zachow, haben sie in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgeben müssen, hauptsächlich für Bußgelder und Schadensersatz. Die größte Summe ging drauf, als sie einmal Baufahrzeuge am Lager eine Woche lang blockiert haben, damals mussten sie rund 80.000 Mark für die Verdienstausfälle bezahlen.

Die meisten anderen Verfahren sind deutlich billiger. Das liegt vor allem daran, dass sich die Bauern mit ihrem Protest in einer rechtlichen Grauzone bewegen, in der nur wenige Staatsanwälte und Richter sich gegen sie stellen: Welche Formen des Protests fallen noch unter Versammlungsfreiheit, was ist schadenersatz- oder strafwürdig?