Recep Tayyip Erdoğanhat reichlich Gründe zur Kritik . Zu spät haben die Deutschen ihre Einwanderer überhaupt als Einwanderer wahrgenommen. Erst seit Kurzem belegen Sozialarbeiter und Erzieher reihenweise Kurse in "interkultureller Kompetenz", um überhaupt in Kontakt mit Migrantenfamilien zu kommen. Aber vor allem hat die deutsche Bildungspolitik zu spät begonnen, sich darum zu sorgen, dass türkischstämmige Kinder und einwandernde Erwachsene so schnell wie möglich Deutsch lernen, damit sie eine Chance in unserer Gesellschaft haben.

Aber das kritisiert Erdoğan gar nicht. Stattdessen hat er zum wiederholten Male gefordert, Türken in Deutschland sollten ihren Kindern erst einmal ordentlich Türkisch beibringen, bevor sie sie Deutsch lernen lassen. Ein Kind, das eine neue Sprache erlernen solle, müsse zunächst die eigene Sprache gut können, argumentiert Erdoğan. Dies sei "eine sprachwissenschaftliche Erkenntnis".

Das aber ist ein Irrtum. Schlimmer noch: Erdoğan suggeriert damit, Deutschlernen sei gar nicht so wichtig.

Natürlich wäre es absurd, türkische, französische oder amerikanische Eltern dazu zu bringen, Deutsch mit ihrem Nachwuchs zu reden. Es spricht gar nichts dagegen, dass Kinder die türkische und die deutsche Sprache richtig und gut beherrschen – statt beide nur radebrechend. Gebildete türkische Eltern werden damit kein Problem haben, sie werden ihren Kindern beides ermöglichen.

Doch anders als Erdoğan behauptet, lässt sich eben keineswegs belegen, dass perfektes Türkisch, Kinder besser durch eine deutsche Schule bringt und sie dadurch eher einen Ausbildungsplatz in Deutschland bekommen. Einer Studie des Mannheimer Soziologen Hartmut Esser zufolge ist es sogar relativ unwichtig, wie gut die Einwanderer ihre Muttersprache beherrschen .

Einig sind sich Pädagogen einzig und allein darin, dass Kinder von Einwanderern Deutsch lernen müssen – und zwar möglichst lange vor Schulbeginn. Die Landessprache ist der Schlüssel zur Bildung. Und nur Bildung ermöglicht beruflichen Erfolg – und sozialen Aufstieg. Es sind ja nicht die Kinder gebildeter Eltern – Deutsche oder Migranten – die Probleme haben in Deutschland, sondern die, deren Eltern bei Hausarbeiten oder Bewerbungsschreiben nicht helfen können. 

Viele Pädagogen sind überzeugt, dass das Selbstbewusstsein und damit der Erfolg der Einwandererkinder steigt, wenn ihre Kultur, ihre Religion und ihre Sprache ernst genommen werden. In skandinavischen Ländern hat man gute Erfahrungen damit gemacht, Kindern auch Unterricht in ihrer Muttersprache zu erteilen. Auch türkischstämmige Lehrer an deutschen Schulen sind in diesem Zusammenhang vielversprechend, weil sie das Vertrauen der Schüler mit Migranteneltern gewinnen und gleichzeitig Vorbild sein können. All das lohnt sich wahrscheinlich – Evaluationen gibt es noch keine. Aber es darf nicht gegen das Deutschlernen ausgespielt werden.

Türkischstämmige Eltern sollten also ermutigt werden, ihre Kinder früh in gute Kindergärten zu schicken, in denen man etwas von Sprachvermittlung und frühkindlicher Bildung versteht, statt ihnen das Deutschlernen madig zu machen, wie Erdoğan es immer wieder versucht.

Dass Einwanderer Deutsch lernen müssen bevor sie nach Deutschland einreisen müssen, kommentiert Erdoğan übrigens so: "Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung macht, verletzt die Menschenrechte". Auch hier irrt er sich: Wer die Menschen nicht ermutigt, Deutsch zu lernen, der hindert sie daran, fundamentale Rechte zu nutzen – zum Beispiel das auf Bildung. Außerdem unterschätzt Erdoğan seine Landsleute. Studien haben gezeigt: Sie wollen am liebsten, dass ihre Kinder Abitur machen, Ärzte oder Anwälte werden – sie wissen nur häufig nicht, wie sie ihnen dabei helfen können. Erdoğan gibt jedenfalls die falschen Tipps.