Wenn die Kieler Chemielehrerin Angelika Witt-Müller im Chemieunterricht eine neue Klasse vor sich sitzen hat, hört sie immer dieselbe Frage: "Frau Witt-Müller, wann kann ich das wieder abwählen?" Ihr Fach, das weiß Witt-Müller, ist nicht beliebt. Zu abstrakt, zu kompliziert, zu schwer – manche Schüler klagen schon, bevor sie zum ersten Mal ein Reagenzglas in den Händen halten.

160.000 Fachkräfte fehlen

Frau Witt-Müller macht sich Sorgen um die Noten ihrer Schüler. Wirtschaftspolitiker und Unternehmer sehen den Standort Deutschland in Gefahr: Rund 160.000 Fachkräfte fehlen laut dem Kölner Institut der deutschen Wirtschaft derzeit in den sogenannten MINT-Fächern, der Abkürzung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik.

Weil es zahlreiche Ideen für die Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts gibt und kaum jemand die Forscher kennt, die sie entwickelt haben, hat die Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft in diesem Jahr zum ersten Mal einen Preis für den besten Unterricht in einem MINT-Fach ausgeschrieben. Bewerben durften sich Didaktik-Experten aus dem deutschsprachigen Raum – mit Konzepten, die sich bereits im Klassenraum bewährt haben.

Am Dienstag wurde der mit 50.000 Euro dotierte Preis im Frankfurter Senckenberg-Museum vergeben. Ausgezeichnet wurde das Team um die Kieler Didaktik-Professorin Ilka Parchmann mit dem Konzept "Chemie im Kontext", das seit gut zehn Jahren bundesweit erprobt wird.

Angelika Witt-Müller, die Chemielehrerin aus Kiel, lehrt an einer der Pilotschulen des Projekts. Statt Strukturformeln und Reaktionsgleichungen von der Tafel abzuschreiben, untersuchen ihre Schüler Putzmittel und Chinaböller, sie erforschen, warum Handy-Batterien über Tage halten und sich Margarine besser streichen lässt als Butter. Als das Thema Farbstoffe auf dem Lehrplan stand, hat Angelika Witt-Müller die Schüler Cocktails mixen lassen.

"Wenn sich die Schüler wundern, warum der blaue Sirup grün wird, wenn sie Orangensaft dazu kippen, dann werden sie neugierig", sagt die Lehrerin. "Wir müssen sie ködern, und zwar mit Fragen aus ihrer Lebenswelt."