ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie in die rechtsextreme Szene?

Mirco Drescher*: Ich wurde in Hamburg von Türken überfallen. Die haben mir die Schuhe und die Klamotten abgezogen. Danach haben mich Freunde mitgenommen zu einer rechten Clique. Daraufhin habe ich angefangen, Nazi-Literatur zu lesen, ich wurde immer radikaler. Mein Vorbild war Heinrich Himmler. Ich habe meine eigene Kameradschaft gegründet, hatte ein Herrschaftsgebiet und 50 Leute, die gemacht haben, was ich sage.

ZEIT ONLINE:  Was haben Sie Ihrer Truppe befohlen?

Drescher: Mir ging es darum, ideologischen Nachwuchs heranzuziehen. Ich habe die mit rechtsextremistischen Schriften aus dem Internet versorgt, auch von der JN, der NPD-Jugendorganisation. Wir haben den Gastwirten Scheine zugesteckt, dafür bekamen wir einen abgetrennten Raum für unsere Treffen. Aber ich hatte auch meine Beißer. Die hab ich losgeschickt, um aufzuräumen. Da wurde ein Zelt abgefackelt oder die haben Punks aufs Maul gehauen, auch Rivalen aus der Szene. Ich hatte aber etwas gegen planlose Gewalt. Es nützt nichts, wenn ihr im Knast sitzt, hab ich gesagt. Mir war der politische Kampf wichtig.

ZEIT ONLINE: Gab es organisierte Gewalt?

Drescher: Wir saßen beim Grillen mit einem NPD-Mann und haben Bier getrunken. Der hat dann angeregt, wir sollten einen Ausländer-Imbiss abfackeln. Das haben die anderen dann auch gemacht. Später kam raus, der Anstifter war V-Mann vom Verfassungsschutz. (Anmerkung der Redaktion: Der Anschlag und die Enttarnung des V-Mannes sind belegt.)

ZEIT ONLINE: Waren Sie bewaffnet?

Drescher: Ich habe selbst Waffen verkauft. Die kamen von Kurieren aus Holland und Belgien. Ich hab Kaufkontakte geknüpft und Leute aus der Szene beliefert. Das waren Faustfeuerwaffen, G 36 Sturmgewehre, einiges aus Bundeswehrbeständen. Sogar Sprengstoff gab es. Pro Deal fielen 300 bis 400 Euro ab.

ZEIT ONLINE: Wofür waren die Waffen?

Drescher: Viele rannten mit einer Knarre herum. Ich erinnere mich, dass Kameraden unter der Jacke Halfter und Pistole trugen. Ich selbst hatte zwei Faustfeuerwaffen und ein Großkaliber. Ich war aber auch dabei, als Waffenlager angelegt wurden. Auf Feldern in der Region wurden Löcher ausgehoben, Pistolen und Gewehre in Öllappen eingewickelt und verbuddelt.

ZEIT ONLINE: Gab es konkrete Pläne, die Waffen einzusetzen?

Drescher: Ich erinnere mich an eine NPD-Veranstaltung hinter verschlossenen Türen, wo der Tenor in etwa war: Bald bricht der Bürgerkrieg aus. Wir haben darauf gewartet, dass irgendwo der Aufstand losgeht. Dann wären wir dabei gewesen.

ZEIT ONLINE: Sie schildern aggressive Hetze, was ist mit konkreten rechtsterroristischen Aktionen?

Drescher: Am Rande einer NPD-Veranstaltung wurde ich von einem Kontaktmann angesprochen, der aber kein NPD-Mitglied war. Der fragte, ob ich etwas lernen will, auf einer Schulung. Ein Kamerad hat mich dann für ein Wochenende mit nach Holland genommen. Kurz hinter der Grenze gingen wir in ein Haus, in den Keller. Da war noch eine Handvoll anderer Leute. Lokale Kameradschaftsführer aus ganz Deutschland, das hörte man am Dialekt. Wir haben uns mit falschen Namen angesprochen. Ein Ausbilder hat uns gezeigt, wie wir mit Hausmitteln Bomben bauen können.

ZEIT ONLINE: Wie lief das ab?

Drescher: Jeder von uns bekam einen alten Wecker zum basteln. Ein paar Drähte, Material zum Isolieren, eine Batterie, eine Glühbirne. Wir sollten daraus einen Zünder bauen. Der Ausbilder hat erklärt, wie man einen Stromkreis schließt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihr Wissen eingesetzt und Bomben gelegt?

Drescher: Nach dem Wochenende wurde gesagt: Du stehst jetzt bereit. Wenn es so weit ist, rufen wir dich an. Aber der Anruf kam nie.

ZEIT ONLINE: War das der einzige Kontakt zum Rechtsterrorismus?

Drescher: Nein, in einem Internetforum wurde ich in ein Camp nach Schweden eingeladen. Mir wurde versprochen, da an schwere Waffen ran zu kommen. Ich bin mit dem Auto und der Fähre hingefahren. An einem Treffpunkt wurde ich abgeholt. Dann ging es zu einem umzäunten Gelände in Südschweden. Wohl ein ehemaliger Militärstützpunkt. Da waren Bunkeranlagen.