Mitten im Finanzsystem und doch dagegen

Es ist Mittagszeit in einem jener schicken aber sterilen Lokale, in denen sich die Frankfurter Banker zum Essen treffen. An einem Tisch in der Ecke sitzt Fondsmanager Johann Berg (Name geändert). Er schneidet auf seinem Teller vorsichtig ein Stück vom Lachs in Blätterteig ab, dann sagt er: "Das Risiko ist riesig, dass das bald alles zusammenbricht, dass Schluss ist mit dieser Wohlstandsillusion."

Berg ist 32 Jahre alt und bei einem der größten Häuser am Markt für Geldanlagen in Höhe von vielen, vielen Millionen verantwortlich. Studiert hat er an der London School of Economics, eine der angesehensten Universitäten der Welt. Früher hat er sich um europäische Märkte gekümmert, heute hauptsächlich um Schwellenländer. Und Johann Berg ist Aktivist bei Occupy Frankfurt . Er will etwas tun gegen die Macht der Banken und Finanzmärkte. Und im Gegensatz zu den meisten Protestlern weiß er genau, wovon er redet. Er ist Teil des Systems und gleichzeitig sein Gegner. Und damit ist er nicht allein.

Wer in den letzten Monaten bei den Demonstrationen und Veranstaltungen rund um die Occupy-Gruppe in der Finanzhauptstadt Frankfurt war, begegnet ihnen überall: Banker der staatlichen KfW, selbstständige Aktienhändler, reihenweise Anwälte, Dozenten von Business Schools, Mitarbeiter von diplomatischen Vertretungen, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater. In Freizeitkleidung statt Anzug und Kostüm sitzen sie im Camp der Besetzer, halten sich mit Tausenden anderen an den Händen, um jenes Bankenviertel zu "umzingeln", indem sie allzu oft selbst arbeiten. Sie liefen durch die Straßen und riefen: "Brecht die Macht der Banken und Konzerne!" Und alle hatten sie dabei ein Lächeln auf den Lippen, bei manchen war es beinahe euphorisch.

"Der soziale Kapitalismus existiert nicht mehr"

Die weltweite Protestbewegung gegen die Macht der Finanzmärkte ist, wohl auch Dank ihrer diffusen inhaltlichen Ausrichtung, zum Sammelbecken all derjenigen geworden, die aus erster Hand wissen, was vermeintlich schiefläuft in dem System, das der Welt eine der größten Wirtschaftskrisen der Geschichte beschert hat.

Als der Euro eingeführt wurde, hat sich Johann Berg zusammen mit einem Freund T-Shirts drucken lassen, auf denen stand: "It's Europe, stupid!", eine Abwandlung des berühmten Ausspruchs von Bill Clinton ("it's the economy, stupid!"). Doch seitdem er selbst in der Finanzbranche arbeite, sagt er, sehe er viele Probleme klarer: "Der soziale Kapitalismus, wie ihn die Politiker propagieren, existiert so schon seit 20 Jahren nicht mehr." Als die Subprime- und Bankenkrise 2007 losbrach, sah Berg, der ja täglich die Märkte beobachtete und Manager- und Politiker-Entscheidungen analysierte, mit Staunen, wie ungeschoren die eigentlich Schuldigen davonkamen.

"Wie kann das sein, dass man das Problem nicht bei der Wurzel packt und das Bankensystem so umbaut, dass eben nicht der Steuerzahler die Last trägt?", fragte sich der Fondsmanager. "Für alle, die die Märkte beobachteten, war damals schon völlig klar, dass so als nächstes die Staaten in Bedrängnis kommen." Berg sah das Unheil kommen, und er sah, wie die Politik tatenlos blieb.

"Unser System prämiert Lug und Trug"

Heute ist Berg ziemlich desillusioniert, was das menschliche Verhalten angeht. "Der Mensch ist zumindest beschränkt gierig", sagt er, "und unser Anreizsystem unterstützt das". Erst in den letzten Jahren sei ihm klar geworden, sagt er, "dass die meisten normalen Leute die Zusammenhänge auf den Märkten gar nicht verstehen, nicht verstehen können." Deshalb macht er mit bei Occupy, hat auf einer der ersten Demos eine kleine Rede gehalten und treibt die inhaltliche Diskussion in der "Diskursgruppe Wirtschaft" mit voran. Bei seinen Banker-Kollegen stößt er damit auf erstaunlich viel Rückhalt: "Von denen sympathisieren ganz viele mit den Protesten, sind mit dem Herzen dabei", sagt Berg, "die wissen alle, dass das aktuelle System ungerecht ist."

Auch Hans Scharpf redet viel über Ungerechtigkeit. Er sitzt im Konferenzraum seiner Kanzlei in der Frankfurter Innenstadt, auf den Fensterbänken stapeln sich Gesetzesbücher, der Schatten des riesigen Commerzbank-Turms auf der anderen Straßenseite verdunkelt die Räume. Der Anwalt für Wirtschaftsrecht beugt sich ein wenig vor und sagt dann fast verschwörerisch: "Sehr bald wird das alles zusammenbrechen hier." Und mit "alles" meint er wirklich alles: Nicht nur eine der vielen Banken, die um ihn herum residieren, sondern alle. Der Euro. Das komplette Geldsystem.

Man braucht diese dramatische Einschätzung nicht zu teilen, aber man muss anerkennen, dass Hans Scharpf kein Spinner ist. Er führt seit Jahrzehnten Prozesse mit Banken und ihren Geschäftspartnern, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Scharpf ist kein Feind der Banker und des Systems, er kennt sie einfach zu genau, als dass er sie nicht kritisieren könnte.

Hans Scharpf war nicht nur bei allen großen Demonstrationen seit dem Auftakt am 15. Oktober dabei, er engagiert sich auch in einem der Arbeitskreise der bisher nur lose organisierten Bewegung. Bei ihm waren es vor allem Erfahrungen mit Wirtschaftskriminalität bei Immobiliengeschäften in den neunziger Jahren, die ihn zu seiner heutigen Haltung kommen lassen: "Da habe ich Dinge mitbekommen, die mich in eine ganz andere Dimension gebeamt haben." Er berichtet von Gefälligkeitsgutachten, von Extra-Provisionen, die unter der Hand fließen, und den wohl unvermeidlichen Bankkonten in der Schweiz . "Unser System prämiert Lug und Trug", sagt Scharpf heute. Kern des Problems ist für ihn das Geldsystem, dass nichts mehr mit tatsächlicher Wertschöpfung zu tun habe. Deshalb hat Scharpf sich ein neues ausgedacht.

Angst um den Job

Er nennt es ELEK und der Grundgedanke ist simpel: Eine Kilowattstunde regenerativ erzeugter Energie entspricht einem ELEK. Man kann diese Strom-Währung ansparen und Handeln, und wer weniger Energie verbraucht, bekommt auch noch eine direkte Steuerersparnis. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive ist einiges daran nicht zu Ende gedacht, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich endlich etwas ändern soll, dass über Alternativen diskutiert wird, dass man mit dem Umbau des Systems beginnt. Scharpf will dazu einen kleinen Anstoß liefern.

Für Johann Berg, den Fondsmanager, geht das zu schnell. Er will erst einmal aufklären, nicht umbauen. Gerade hat Berg ein Papier für die Frankfurter Occupisten geschrieben. Auf 29 Seiten seziert er die europäische Banken-, Währungs- und Schuldenkrise. Ein Absatz versucht zu erklären, warum Schulden überhaupt ein Problem sind, bunte Grafiken zeigen die Geldflüsse oder mögliche Lösungsszenarien auf. Pfeile gehen hin und her zwischen dem EFSF, symbolisiert durch eine Spritze, und den Banken und Versicherungen, den Schuldenländern Spanien und Griechenland , der EZB und dem Sekundärmarkt. Gleichzeitig detailliert und zugespitzt sind die Folien, inhaltlich ambitioniert und didaktisch aufbereitet. "Das ist das, was ich tun kann, mit meinem Wissen weiterhelfen", sagt Berg. Für viele bei Occupy Frankfurt, auf deren Website es veröffentlicht wurde, ist sein Papier zu brav. "Die Linken empfinden das als angepasste Analyse", sagt Johann Berg.

Noch wollen insgesamt wenige Insider, die wie Hans Scharpf und Johann Berg zu Kritikern ihrer Sphäre geworden sind, offen reden. Und zumindest Berg sieht auch keinen beruflichen Widerspruch in seiner Doppelrolle: "Als Fondsmanager machen wir prinzipiell einen sinnvollen Job", findet er, "ich bin ja extra kein Investmentbanker geworden, weil ich das für falsch halte." Die meisten hätten aber einfach Angst um ihre Jobs: "Die wissen alle, dass sich was ändern muss, aber wollen eben nicht selbst den ersten Schritt machen und dann darunter leiden."