In wenigen Tagen spielt der niederbayerische Provinzmusiker Edwin Kimmler im Schabernack Blues, Boogie und Hawaiian Calypso. Bald jedes Wochenende steht ein anderes Konzert an in der Musikkneipe in Krailling, fünf Kilometer südlich von München . Kneipeninhaber Klaus P. gibt nicht auf. Zusammen mit Freunden macht der 53-Jährige weiter, und gelegentlich wird auch seine Lebensgefährtin wieder in dem Lokal gesehen, die 42-jährige Anette S. Es scheint, als versuchten die beiden es wieder mit der Normalität. Wenngleich sich das so grausam für sie anfühlen muss nach dem, was im vergangenen Frühjahr geschehen ist.

Es war eine lange Nacht im Schabernack vom 23. auf den 24. März 2011, wie Klaus P. vor der Schwurkammer des Münchner Landgerichtes erzählt hat. Man habe sich festgequatscht in der Kneipe, gegen 4.30 Uhr ist P. mit Anette S. heimgegangen. Die Wohnung liegt nur drei Häuser weiter. Dort fanden sie die beiden Töchter von Anette S., die acht Jahre alte Chiara und die elf Jahre alte Sharon – ermordet. Es ist ein Verbrechen, das die Republik erschüttert hat.

Vor Gericht wird Grausames geschildert, der Angeklagte scherzt

Schon am Tag darauf ist der Gehweg vor dem Haus voll mit Blumen, Kerzen, Kuscheltieren. Mitschüler malen die Särge von Chiara und Sharon bunt an. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr alleine in die Schule gehen, Psychologen kommen in den Unterricht.

Wer tut so etwas? Im Gerichtssaal A 101, dem größten im Münchner Justizzentrum, hat Mitte Januar der Prozess gegen den 51-jährigen Thomas S. begonnen. S. ist der Onkel von Sharon und Chiara, der Schwager von Anette S. Er versteckt sich nicht, wie es manche Angeklagte tun. Nein, minutenlang lässt sich der Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem Stoppelbart fotografieren. Immer wieder versucht er mit seinem Anwalt und dem Polizisten neben sich zu scherzen. In der Verhandlung aber schweigt Thomas S.

Doch es gibt kaum einen Zweifel daran, dass er der Mörder der kleinen Mädchen ist. Akribisch listen die Ermittler vor Gericht die massenhaften Fingerabdrücke, DNA- und Blutspuren auf, die S. am Tatort hinterlassen hat. Vor den Morden war er seit Jahren nicht mehr in der Wohnung gewesen, ein Alibi hat er auch nicht. In kalter, distanzierter Sprache tragen die Fahnder vor, wie sie die Mädchen vorgefunden haben, was mit ihnen geschehen sein muss: Sie wurden gejagt über die zwei Stockwerke der Wohnung. Verzweifelt haben sie sich gewehrt, haben dem Täter Schürfungen und tiefe Kratzwunden beigebracht. Dieser wollte sie mit einer Hantel erschlagen, mit einem Seil erdrosseln, letztlich wurden sie mit Küchenmessern erstochen.

Das Grausen breitet sich bei solchen Schilderungen im Gerichtssaal aus, während S. interessiert die Tatortfotos anschaut, mit den Fingern rhythmisch auf die Tischplatte klopft, das Gesicht verzieht oder immer wieder grinst.

Mord aus Habgier?

Was war das Motiv für diese grausame Tat? Staatsanwalt Florian Gliwitzky geht von Mord aus Habgier aus. Thomas S. hat mit seiner Frau Ursula vier Kinder zwischen 6 und 14 Jahren, aus erster Ehe ist er zusätzlich noch zweifacher Vater. Die Familie, die ein Haus im oberbayerischen Peißenberg gebaut hat, stand vor dem finanziellen Ruin. S., der als Postbote nur morgens und vormittags gearbeitet hatte, musste den Offenbarungseid leisten, das Haus stand vor der Zwangsversteigerung.

Nicht nur seine beiden Nichten sollten in dieser Nacht sterben, sagt die Staatsanwaltschaft, sondern auch deren Mutter, die Schwägerin des Angeklagten. Dann nämlich hätte S.' Frau eine Wohnung und weiteres Vermögen von der Schwester geerbt. Doch Anette S. kam in jener Nacht nicht rechtzeitig, so die Staatsanwaltschaft: Am Morgen verließ der mutmaßliche Täter die Wohnung. Seine Frau Ursula will von all dem nichts geahnt haben.