Die Bilder seiner Kindheit in Pommern lassen Siegfried Marquardt nicht los. Er war Zeuge als am 5. März 1945 viele Kinder im Jezioro Resko Przymorskie, dem einstigen Kamper See an der pommerschen Ostseeküste ertranken. Anfang März diesen Jahres versammelten sich nun Deutsche und Polen am See, um der Kinder zu gedenken. Über Jahrzehnte hinweg war ihr Schicksal totgeschwiegen worden. Lukas Trawinski, der Sprecher der Gemeinde Trzebiatów (Treptow), zu der das Gelände am Jezioro Resko Przymorskie heute gehört, sagt, die Menschen in der Region wollten die versunkene Würde der Kinder von Kamp wieder herstellen. Auch der 73-jährige Marquardt wäre gerne hingefahren, wenn er nicht krank geworden wäre.

Rückblick: Siegfried Marquardt ist sechs Jahre alt, als "die Russen kommen". In der stillen Gemeinde Kamp-Wustrow führen seine Eltern einen Bauernhof. Doch im Februar 1945 ist es vorbei mit der Stille. "Als sich die Sowjetarmee Kolberg näherte, strömten die Flüchtlinge den Strand entlang. Außerdem gab es an der Ostsee damals viele Kinderheime", erzählt Marquardt. Vor allem Mütter mit Kindern suchen verzweifelt einen Weg nach Westen.

Anfang März wird der kleine Fliegerhorst am Kamper See zur Drehscheibe für die Retter. Mit Dornier-24-Flugbooten versuchen sie, so viele Menschen zu evakuieren wie nur möglich. "Zwölf Flieger waren im Einsatz", erzählt Augenzeuge Siegfried Marquardt. "Es ging Schlag auf Schlag: Beladen, weg, beladen, weg. Die Maschinen waren heillos überfüllt. Bis zu 90 Menschen drängten sich in die DO 24. Regulär fassen die Flugboote 14 bis 16 Passagiere. Alle waren in Panik. Aber es ging ja um Kinder."

Die Luftbrücke führt nach Rügen . Der Betrieb läuft auf Hochtouren, als am 5. März östlich des Sees drei sowjetische Panzer auftauchen. "Sie nahmen die Flugzeuge unter Beschuss, obwohl die Entfernung mit fast zwei Kilometern Luftlinie eigentlich viel zu groß für einen Treffer war", erinnert sich Marquardt. Am Seeufer drängen sich die Flüchtlinge. Sie müssen mit ansehen, wie sich die nächste DO 24 mitten im Granatfeuer beim Start plötzlich nach vorn neigt und aus 80 Meter Höhe in den See stürzt. Wie viele Menschen an Bord sind und im eiskalten Wasser sterben, weiß bis heute niemand genau. 70, 75, vielleicht sind es sogar mehr als 80 Opfer. Fest steht: Die meisten der Toten sind Kinder.