An der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist man fassungslos: Eineinhalb Jahre hat ein Team aus Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftlern akribisch geforscht. Wie es wirklich steht um die Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, das wollten die Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen anderer Universitäten und einem Sozialforschungsinstitut herausfinden.

Die Forscher haben möglichst genau gearbeitet. Sie wollten endlich empirisch belastbare Aussagen treffen können. Eine 750 Seiten starke Schrift ist entstanden, die am Donnerstagmittag veröffentlicht werden sollte.

Doch dann das : "Studie belegt: Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren", schrieb schon am Donnerstagmorgen die Bild -Zeitung. Innenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU ) erhob in dem Zeitungsbericht sogleich den mahnenden Zeigefinger: "Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben."

Ärger wegen einseitiger Darstellung

Die Mitarbeiter der Studie seien "emotional erregt" gewesen über dieses einseitige Urteil, sagt Projektleiter Wolfgang Frindte ZEIT ONLINE. "Da ist ein kleines Detail in den Mittelpunkt gerückt worden", betont der Jenaer Professor für Kommunikationswissenschaften. Denn das sehr komplexe Forschungsergebnis lässt sich nicht in eine knackige Überschrift fassen. Es ist vielmehr so ambivalent wie das Leben. Das Resümee der Forscher besagt nämlich vor allem eines, etwas eher Altbekanntes: "Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der nur bei gemeinsamem Engagement sowohl der Migranten als auch der deutschen Mehrheitsbevölkerung gelingen kann."

Muslime wollen sich integrieren, aber Herkunft nicht aufgeben

Die Studie näherte sich auf mehreren Wegen der Lebenswirklichkeit der Muslime. Die Wissenschaftler haben sechs Familien und die in ihr lebenden Generationen ausführlich interviewt, sie haben eine Telefonbefragung von mehr als 700 deutsch-, arabisch- und türkischsprachigen jungen Menschen durchgeführt, sie haben über 6.700 Postings in muslimischen Internetforen ausgewertet.

Folgende Hauptergebnisse lassen sich zusammenfassen: Die meisten Muslime fühlen sich in Deutschland wohl. Vor allem die hierzulande geborenen Mitglieder der Einwandererfamilien identifizieren sich stark mit der Bundesrepublik. Gleichzeitig haben fast alle auch eine starke Bindung zu ihrer Heimatkultur, sie möchten diese muslimische Identität nicht völlig aufgeben.

Muslime finden, dass ihnen die deutsche Bevölkerung sehr distanziert gegenübertritt. Sie werden das Gefühl nicht los, dass von ihnen totale Assimilation verlangt wird. Tatsächlich unterhalten viele Muslime eher soziale Beziehungen zu anderen Muslimen, einfach weil sie diese als "vertraut und inniger empfinden".

Ein für die Integrationswilligkeit wichtiger Aspekt, das sagen auch die Forscher, scheint für Muslime das Gefühl zu sein, von ihrer deutschen Umwelt akzeptiert zu werden. So stellten die Forscher eine stärkere Betonung der eigenen muslimischen Identität bei ihren Befragten fest, nachdem 2010 Thilo Sarrazin ein integrationsskeptisches Buch veröffentlicht und damit für Verunsicherung und Verärgerung bei den Muslimen gesorgt hatte.  Die Autoren der Studie betonen aber, dass man aus dieser Beobachtung nur bedingt empirisch belastbare Schlüsse ziehen könne.

Ein statistisch signifikantes Ergebnis hingegen ist, dass Muslime mit deutschem Pass eine stärkere Bereitschaft zeigen, sich zu integrieren, als Muslime mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Die Forscher definieren Integration als das "Bewahren der traditionellen Herkunftskultur und die gleichzeitige Bereitschaft zur Übernahme der deutschen Mehrheitskultur". 78 Prozent der deutschen Muslime zwischen 18 und 32 Jahren befürworten laut der Studie Integration, 52 Prozent der Muslime ausländischer Nationalität. Für die anderen heiße das erst einmal nur, dass diese sich im Moment noch eher ihrer Herkunftskultur verbunden fühlten.