"Die Politik ist nicht mein Weg"

Raschen Schrittes, wie ein vielbeschäftigter Geschäftsmann, durchquert der Karmapa die Lobby eines Luxushotels in Neu-Delhi . Eskortiert von Sicherheitsbeamten und Mönchen, vorbei an seinen Anhängern, die sich ehrfurchtsvoll erheben. Der Karmapa – so lautet der Name seines hohen Priesteramtes – trägt ein rot-orangenes Gewand wie der Dalai Lama, dessen Nachfolger er bald werden soll . Er ist jung, 25 Jahre alt, seine Eile verbirgt Unsicherheit angesichts der ausländischen Gäste, die sich unter den Wartenden befinden.

Kaum hat er sich auf dem modernen Ledersessel in der Lobby niedergelassen, knien ein taiwanesischer Buddhist und sein indischer Freund vor ihm nieder. Sie legen sich flach auf den Bauch, berühren den Boden mit der Stirn, die Hände wie zum Gebet zusammengelegt vor sich ausgestreckt. Immerhin ist der Mann vor ihnen der dritthöchste Geistliche des tibetischen Buddhismus – ein Heiliger! Das verlangt auch dem hinduistischen Inder allen Respekt ab.

Der Dalai Lama hält viel von dem jungen Mönch. Niemandem widmet er mehr Zeit. Sein politisches Führungsamt hat er im vergangenen Jahr in die Hände des Harvard-Professors Lobsang Sangay gelegt, der nun die tibetische Exilregierung führt. Doch wenn sich der Dalai Lama, wie angekündigt, von all seinen Ämtern zurückgezogen hat, wird es die Aufgabe des Karmapa sein, der tibetischen Lehre Autorität zu verleihen.

Es gibt keine andere Wahl. Ein neuer Dalai Lama müsste erst wieder per altem Brauch, der im indischen Exil kaum durchführbar ist, als kleines Kind zu seiner Aufgabe bestimmt werden. Der zweithöchste Heilige, der Panchen Lama, wurde einst von der chinesischen Regierung durch einen parteigenehmen Platzhalter ersetzt. Hierarchisch an dritter Stelle steht der Karmapa. Er wird nun darauf vorbereitet, ein weltweit respektierter Geistlicher zu sein. Doch die Rollen sind neu verteilt: Die Politik soll der Dalai-Lama-Schüler anderen überlassen. "Bitte keine politischen Fragen an seine Heiligkeit!", sagt sein ständiger Sicherheitsbeamter.

"China kann sich nicht von mir abwenden"

Sein bürgerlicher Name ist Urgyen Trinley Dorje. Er stammt aus Osttibet, wo er seine frühe Kindheit als Sohn einfacher Nomaden verbrachte. Mit sieben Jahren wurde er als Wiedergeburt des 16. Karmapa entdeckt, in die Obhut des höchsten Klosters in Lhasa übergeben und dort nach tibetisch-buddhistischer Tradition erzogen. Doch seine Erziehung ist auch eine chinesische. Das zeigt sich noch heute: Mit seinem taiwanesischen Schüler spricht er in Delhi auf Chinesisch. Ohne Dolmetscher. Fürs Englische bemüht er dagegen einen Übersetzer.

Die chinesische Regierung stimmte damals seiner Ernennung zum Karmapa zu – eine Sensation, wurde er doch nicht von der KP Chinas , sondern von tibetischen Mönchen auserwählt. Erst danach gibt auch der Dalai Lama im Exil bekannt, Urgyen Trinles Dorje als Karmapa anzuerkennen. Ein kluger Schachzug, denn nun stellt der Karmapa eine Verbindung her zwischen der Regierung in Peking und ihrem Feind im Exil, dem Dalai Lama.

"Meine Anerkennung in China war zwar ein Durchbruch", sagt der Karmapa. Doch andererseits würde die chinesische Regierung deshalb noch lange nicht seine Funktion respektieren: "Was heißt schon Anerkennung?" fragt er und fürchtet, dass es kaum mehr als ein Lippenbekenntnis war. Doch immerhin, die Chinesen müssten zu ihrem Wort stehen: "China kann sich nicht von mir abwenden, sonst würde die Regierung ihr Gesicht verlieren."

 Am Ende spricht er doch über die Politik

Allmählich schwindet seine Nervosität. Er spricht wohlüberlegt und lässt sich Zeit für seine Antworten. Das verschmitzte Lächeln des Dalai Lama ist ihm nicht zu eigen. Er lacht selten, aber wenn, dann natürlich und ungezwungen.

Im Dezember 1999 gelang dem Karmapa die lebensgefährliche Flucht über den Himalaya nach Indien . Über die Flucht denkt er heute nicht ohne Zwiespalt. Familie, Heimat, das vertraute Kloster hinter sich zu lassen und das eigene Leben zu riskieren, das alles sei ein Opfer gewesen, betont er. Aber es habe die Gefahr bestanden, dass er zur politischen Marionette der chinesischen Regierung werde. Indien dagegen war für ihn das gelobte Land: Hier lebt der Dalai Lama, hier dürfen die Tibeter ihre Religion frei ausüben, was ihnen in China verboten ist.

Doch in Indien wird er nach seiner Flucht misstrauisch empfangen. Trotz aller Gefahren kam dem indischen Geheimdienst die Flucht zu einfach vor. Nach stundenlangem Verhör vermutet man gar einen chinesischen Spion in dem damals 14-Jährigen. Er habe immer die Wahrheit gesagt und auch die Missstände in China kritisiert, sagt er. Aber er sei rhetorisch kein Hardliner. Und da er von chinesischer Seite nie offen kritisiert wurde, seien die Inder zum Teil bis heute der Meinung, er müsse ein Spion Pekings sein.

"Man muss das Verhalten Chinas im historischen Kontext sehen"

Der Karmapa ist ehrlich empört. "Es gibt keine größere Beleidigung für einen Tibeter, als ihn einen Spion Chinas zu nennen!" Er ist enttäuscht, das ist deutlich zu spüren, auch weil der Alltag im Exil mühsam ist. Er darf sich nicht frei bewegen, muss jede Reise anmelden. Wer ihn treffen will, muss sich mit einer Passkopie registrieren.

"Wir Buddhisten glauben nicht an das rein Gute oder Böse. Man muss das Verhalten Chinas im historischen Kontext sehen. Die Kulturrevolution war eine schwere Zeit, auch für die Chinesen", sagt er und verwickelt sich am Ende doch noch in die Politik. Er will China nicht entschuldigen. Aber er weiß: "Der Tibet-Konflikt muss zwischen China und Tibet gelöst werden. Das geht nur, wenn das Misstrauen und die gegenseitigen Vorwürfe aufhören."

Ist er also doch Politiker? Kann ein von China anerkannter Karmapa nicht bald zur wichtigsten Figur im Tibet-Konflikt werden? "Die Politik ist nicht mein Weg", entgegnet er. "Aber außerhalb der Politik gibt es viele Möglichkeiten der Einflussnahme." Vielleicht ist das sein Weg: ein Dialog jenseits der Politik, um die Tibeter ihrem Ziel, der Autonomie innerhalb Chinas, näher zu bringen. Vielleicht ist der Karmapa, der in China nicht nur das Böse sieht, der richtige Vermittler. Ihm könnte China zuhören. Und sei es nur, um das Gesicht zu wahren.