Im Verfahren gegen den rechtsextremistischen Terrorangeklagten Anders Behring Breivik ist eine für norwegische Verhältnisse einzigartige Situation entstanden. Wenn der Prozess gegen ihn am 16. April vor dem Osloer Amtsgericht beginnt, muss das Gericht zwei rechtspsychiatrische Gutachten berücksichtigen, die zu völlig gegensätzlichen Schlüssen gekommen sind. Dem ersten Gutachten nach ist Breivik psychotisch und leidet unter paranoider Schizophrenie. Das zweite Gutachten konnte keinerlei Anzeichen einer Psychose feststellen.

Die Psychose entscheidet jedoch darüber, ob Breivik für seine Taten belangt werden kann oder nicht. Die Staatsanwaltschaft hat ihrer Anklageschrift die Einschätzungen des ersten rechtspsychiatrischen Gutachtens zugrunde gelegt und deshalb, empfohlen, Breivik zwangsweise in eine geschlossene Psychiatrie einzuweisen. Breivik und sein Verteidiger hingegen nehmen die Folgerung der Unzurechnungsfähigkeit nicht an. Stattdessen kämpfen sie darum, dass Breivik rechtsmäßig bestraft wird.

Aufgrund der beiden gegensätzlichen Gutachten liegt die Entscheidung über Breiviks Zurechnungsfähigkeit nun beim Gericht. Gleichzeitig ist in Norwegen eine Debatte über die Rolle der Psychiatrie im Rechtswesen entbrannt.

Paranoide Schizophrenie

Das erste rechtspsychiatrische Gutachten über Anders Behring Breivik wurde am 29. November 2011 vorgelegt. In ihm kamen die beiden Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim zu dem Schluss, Breivik leide an einer paranoiden Schizophrenie. Während des Attentats sei er psychotisch gewesen, ebenso während seiner Befragungen in der Untersuchungshaft. Husby und Sørheim hatten 13 Gespräche von insgesamt 36 Stunden Länge mit Breivik geführt.

Die norwegische Gesellschaft reagierte geschockt auf diese Diagnose. Viele Menschen fanden es vollkommen unverständlich, wie eine psychotische Person einen derart ausgeklügelten Terrorangriff so lange im Voraus planen, und dabei noch ein Doppelleben führen und alle täuschen konnte.

Psychiater und andere Fachleute zweifelten daran, dass Breivik an "bizarren" Wahnvorstellungen litt. Von verschiedenen Seiten wurde darauf hingewiesen, dass Breivik nicht allein mit seinen Vorstellungen war, sondern diese in Extremistenkreisen durchaus üblich seien.

Neues Gutachten

Die Unzufriedenheit über den Bericht von Husby und Sørheim führte im Januar dazu, dass eine Gruppe beratender Anwälte ein neues rechtspsychiatrisches Gutachten über Breiviks Geisteszustand forderten. Das Gericht gab dieser Forderung statt und beauftragte die Psychiater Agnar Aspaas und Terje Tørrissen, ihn erneut zu untersuchen.

Die beiden Mediziner sprachen lange mit Breivik, gingen die Videoaufzeichnungen der Polizeiverhöre durch und studierten Breiviks politische Ideologie. Zusätzlich wurde der Attentäter drei Wochen lang rund um die Uhr im Gefängnis überwacht. Dazu wurde eigens ein spezielles Observatorium gebaut. 

In dem 310 Seiten umfassenden Gutachten kommen Aspaas und Tørrissen nun zu dem Schluss, dass Breivik zum Tatzeitpunkt nicht psychotisch war. Zwar leide er unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, was unter anderem seinen Mangel an Empathie erkläre. Diese Störung sei jedoch kein schwerwiegendes psychisches Leiden und verursache kein gestörtes Urteilsvermögen. Somit ist er strafrechtlich zurechnungsfähig, meinen sie. Die beiden Rechtspsychiater sehen allerdings die Gefahr, dass Breivik weitere schwere Straftaten verüben könnte.