Geir Lippestad glaubt an den Rechtsstaat. "Meine Hauptaufgabe ist es, die Interessen meines Mandanten zu wahren", sagt der norwegische Anwalt. Für diese Interessen sei er auch bereit, Umstrittenes zu tun. "Ich muss nicht beliebt sein."

Lippestad hat eine schwierige Aufgabe übernommen: Er ist der Hauptverteidiger von Anders Behring Breivik. Er verteidigt den Mann, der im Sommer 2011 kaltblütig 77 Menschen tötete – bei einem Bombenattentat in Oslo und bei einem Massaker in einem Jugendcamp der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya . Ab kommendem Montag wird Breivik in Oslo der Prozess gemacht. Und Lippestad wird ihm zur Seite stehen.

Inzwischen ist klar, dass Breivik auf nicht schuldig plädieren wird, weil er in Notwehr gehandelt habe. Als Verteidiger habe er deshalb keine andere Wahl, als diesem Wunsch zu folgen und das Gericht zu überzeugen versuchen, ihn freizulassen, erklärt Lippestad.

Person des öffentlichen Lebens

Vor den Terrorangriffen war der Anwalt den meisten Norwegern unbekannt. Breivik jedoch kannte seinen Namen aus dem Gerichtsverfahren gegen einen Mann namens Ole Nicolai Kvisler. Lippestad verteidigte den Neonazi, der 2002 nach dem rassistisch motivierten Mord an Benjamin Hermansen zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Bereits am Tag nach den Attentaten von Oslo und Utøya informierte die Polizei Lippestad darüber, dass der Massenmörder ihn als Verteidiger wolle. Der Anwalt zögerte, er ist selbst Mitglied der norwegischen Arbeiterpartei , deren Nachwuchs Breivik mit dem Attentat auf Utøya auslöschen wollte. Doch Lippestad glaubt an den Rechtsstaat und daran, dass Breivik, wie allen anderen Angeklagten auch, ein Pflichtverteidiger zusteht. Daher sagte er zu.

Über Nacht wurde Lippestad damit zu einer Person des öffentlichen Lebens. Die allermeisten Reaktionen auf sein Mandat waren positiv – es gab nur wenige hasserfülllte. Lippestad wird in Norwegen vor allem dafür gelobt, dass er seine Aufgabe mit Respekt gegenüber den Opfern und Hinterbliebenen verfolgt . Von Breiviks Gedanken und Taten hat er sich deutlich distanziert. Gleichzeitig hat er deutlich gemacht, dass der Angeklagte ein Recht darauf habe, sich vor Gericht zu erklären, und dass der Prozess wie jeder andere geführt werden müsse.

Kurz vor Prozessbeginn am Montag ist Lippestad ganz ruhig. "Alle Anzeichen sprechen dafür, dass dieses Verfahren in Würde geführt wird", sagt er ZEIT ONLINE: "Alle Seiten haben sich gut vorbereitet."

Vertauschte Rollen vor Gericht

Bereits vor Beginn des Gerichtsverfahrens ist die Schuldfrage praktisch geklärt. Breivik hat die Taten gestanden und wird nicht freikommen. Eine andere Frage wird daher den Prozess dominieren, nämlich die, ob der Angeklagte bestraft werden kann . Die gewohnten Rollen in einem Strafprozess sind dabei auf den Kopf gestellt: Während die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift von einer Unzurechnungsfähigkeit Breiviks ausgeht, will die Verteidigung das Gegenteil belegen. Breivik selbst wünsche dies so, stellt Lippestad klar: "Ihm ist es wichtig, für zurechnungsfähig erklärt zu werden. Dementsprechend planen wir unsere Verteidigung."

Hintergrund dieser ungewöhnlichen Situation sind die zwei verschiedenen Rechtsgutachten zu Breiviks psychischer Gesundheit. Zwei Psychiater waren noch 2011 zu der Auffassung gelangt, dass der 33-Jährige unter einer paranoiden Schizophrenie leidet und zum Tatzeitpunkt psychotisch gewesen sei. Wenn Breivik psychisch krank ist, kann er nicht nach dem normalen Strafrecht bestraft werden. Das Gutachten hatte viele bestürzte Reaktionen in Norwegen hervorgerufen. Am Dienstag wurde daher eine neue Expertise veröffentlicht , nach der Breivik zurechnungsfähig ist.

Die Anklageschrift stützte sich auf das erste Gutachten. Deshalb besteht die Staatsanwaltschaft auf Breiviks Zwangseinweisung in eine psychiatrische Anstalt. Sie ist aber zur Abänderung ihrer Forderungen bereit, sollten sich die Indizien für Breiviks Gesundheit erhärten.