Andre H. blickt die Zuschauer und Journalisten im Gerichtssaal 504 an, schluckt und beginnt stotternd zu sprechen. Mit vor dem Bauch gefalteten Händen steht er an diesem Dienstagmorgen mit dem Rücken zur 17. Großen Strafkammer. Er entschuldigt sich für seine Taten, die er vom 7. Juni bis zum 29. August 2011 in Berlin beging. Vor dem Landgericht in Berlin-Moabit ist er wegen 102 Brandstiftungen an Fahrzeugen angeklagt sowie wegen des Übergreifens der Flammen auf ein Wohnhaus und eine Seniorenresidenz. Der Staatsanwalt hat acht Jahre Haft gefordert, sein Anwalt "keine milde", sondern eine gerechte Strafe.

An fünf Verhandlungstagen wurde viel über Andre H. und sein Motiv gesprochen, das einfach nicht greifbar wurde. Das letzte Wort vor der Urteilsverkündung hat der Angeklagte: Er wisse nicht, ob Betroffene im Saal seien, aber er wolle sich bei allen Autobesitzern entschuldigen. Andre H. spricht von "verabscheuungswürdigen Dingen", die er angestellt habe. Er redet leise, sucht nach Worten. "Ich möchte mich auch bei Ihnen entschuldigen", sagt Andre H. zur Vorsitzenden Richterin, "dass ich Ihnen so viel Arbeit gemacht habe".

Zu Beginn des letzten Verhandlungstages gegen Andre H. berichtet das Gericht ausführlich, wie es versucht hat, den vom Angeklagten angerichteten Schaden zu ermitteln. Eine schwere Aufgabe. Nur in wenigen Fällen lagen Gutachten vor. Die beiden Berufsrichter gaben also den Typ und das Erstzulassungsjahr der ausgebrannten Wagen im Internetportal Auto-Scout ein, ließen die Plattform einen Durchschnittswert errechnen und zogen 25 Prozent ab.

Eine lange Liste von Brandstiftungen

"Im Zweifel für den Angeklagten", sagt die Richterin. Dann beginnt ihr Kollege eine lange Liste vorzulesen. Für Fall Nummer 13, ein Mini, ermittelte das Gericht einen Schaden von 7.588 Euro. Fall 31: Mercedes-Benz A-Klasse, 10.240 Euro. Fall 41: Mercedes-Benz C-Klasse: 10.805 Euro. Zu den Autos, die Andre H. direkt angezündet hat, kommen noch zahlreiche andere Fahrzeuge, die ebenfalls in Brand gerieten.

Fall 83, ein BMW 5er. Andre H. nickt, als würde er sich an diesen Fall besonders gut erinnern. Am Ende steht eine Summe von 623.371 Euro. Den Gesamtschaden stellt das nicht dar. Es kommen Fälle hinzu, in denen Versicherungen bereits gezahlt haben, sie hat das Gericht außen vorgelassen, allein rund 130.000 Euro Schaden, der entstand, als ein Carport und dann ein Wohnhaus Flammen fingen. Das Gericht geht insgesamt von einem Schaden von mindestens einer Million Euro aus. 16 Fälle werden eingestellt, weil sich der finanzielle Schaden nicht ermitteln ließ.

Andre H. gefährdete Menschenleben

Der Staatsanwalt spricht in seinem Plädoyer von einem für Berlin "einzigartigen" Fall und von einem besonderen Verfahren. Nicht nur wegen der zahlreichen Fälle, des hohen Schadens, sondern auch wegen des Charakters des Angeklagten. Es spreche vieles gegen Andre H.: Das Anzünden von Autos sei keine Sachbeschädigung, sondern eine Straftat. Feuer sei nicht kontrollierbar und Andre H.'s Taten hätten Menschenleben gefährdet.

So habe er am 8. Juni vergangenen Jahres in Moabit einen Audi in Brand gesteckt. Die Flammen schlugen neun Meter hoch, zerstörten weitere Autos und sengte ein Wohnhaus in der Nähe an: Fenster- und Türrahmen waren angeschmort, Plastik an den Balkonen schmolz. Das Haus hätte in Brand geraten können. Die Reste des ausgebrannten Audis sahen nach einem Anschlag aus.

Die ZEIT schrieb im Juni über diesen Fall : "War das die IRA? Oder Hamas? Aber wir sind in Berlin an der Spree , am Bundesratufer, 800 Meter vom Innenministerium entfernt, vor uns ein schwarzer Klumpen, der am Abend zuvor ein 30.000 Euro teurer Audi war. Noch Stunden nachdem die Flammen erloschen sind, stinkt es nach verschmortem Kunststoff."