Zum Geburtstagsfest hat der Ministerpräsident von Baden-Württemberg gratuliert. Ebenso wie der Publizist und Herausgeber Jakob Augstein und der knorrige Gangolf Stocker, Stuttgarter Stadtrat und mittlerweile an den Rand gedrängter Altvater der Protestbewegung gegen Stuttgart 21. Adressat aller Glückwünsche ist die Internet-Wochenzeitung Kontext , die im April 2011 von einer Gruppe Journalisten um Josef-Otto-Freudenreich gegründet wurde.

Eine "anregende Lektüre" bescheinigt Winfried Kretschmann der Redaktion in der aktuellen Ausgabe. Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung Freitag , spricht von Kontext als der "publizistischen Bühne für das Labor Baden-Württemberg, in dem sich künftige gesellschaftliche Entwicklungen herausbilden". Doch über den Festlichkeiten liegen Schatten. Alles sieht danach aus, dass auf dieser Bühne Ende April der letzte Vorhang fällt. Das Geld ist alle.

Entstanden war Kontext aus der Protestbewegung gegen Stuttgart 21

Allzu viel war ja nie da. Kontext , geführt in der Rechtsform eines Vereins, startete unter dem Eindruck des "schwarzen Donnerstags" am 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten, in dessen Verlauf die Polizei Demonstranten mit Wasserwerfern aus der Bauzone trieb. Es blieb Wut und Ohnmacht. Etwas Grundlegendes sollte passieren. Viele Betroffene kämpften fortan mit ihren jeweiligen Mitteln gegen das Bahnhofsprojekt: Geistliche predigten, Ingenieure stellten Gegenpläne auf, Naturschützer reichten juristische Klagen ein. Und Freudenreich, langjähriger Chefreporter der Stuttgarter Zeitung , gründete eine Zeitung. Er hatte in seinem Verlag kurz zuvor einen Aufhebungsvertrag unterschrieben.

Die Idee dazu hatte er jedoch schon länger. Als 2008 in den USA das Immobilien-Milliardärsehepaar Sandler ein paar hoch dekorierte Journalisten die investigative Internetzeitung Pro Publica machen ließ – Jahresbudget zehn Millionen Dollar –  wurde man in vielen deutschen Redaktionsstuben hellhörig. Die Sandlers waren abgestoßen vom "Embedding" US-amerikanischer Journalisten während des Krieges gegen den Irak .

Milliardärsehepaare, die unabhängigen Journalismus für ein schutzwürdiges Kulturgut halten, sind in Stuttgart und auch sonst wo leider schwer zu finden. Doch nach dem schwarzen Donnerstag sammelten sich immerhin eine Reihe vermögender Menschen, die Freudenreichs Idee einer unabhängigen Netzzeitung unterstützen wollten – ohne Zweifel mit dem Nebengedanken, dass damit der Bahnhofsbau verhindert werden möge. Möglicherweise trug diese Ausgangssituation den Keim späterer Konflikte und sogar des Scheiterns in sich. Aber es hätte im Südwesten keinen besseren Zeitpunkt geben können, um etwas aus der Taufe zu heben, das Pro Publica ähnelte.

Freudenreich und Co legten los, zelebrierten allwöchentlich die Kunst des langen Interviews, der Reportage oder des Porträts, lehnten Werbebanner ab und betonten stets ihren ungetrübten Blick. Unter dem Tisch füßelten sie mit den eingefleischten Bahnhofsgegnern, die, so sollte sich bald zeigen, zwar viel von einer freier Presse forderten aber zugleich fest auf ihrem Geldbeutel saßen. Die taz druckte für schwaches aber sicheres Honorar Auszüge des Internetangebots allsamstäglich in ihrer Baden-Württemberg-Ausgabe. Das brachte Werbeeffekte und stützte den Etat.