ZEIT ONLINE: Wie erleben Menschen den Alltag in Sachsen-Anhalt , die Ausländer sind oder wegen ihrer Haut- oder Haarfarbe dafür gehalten werden?

David Begrich: Der Anteil an Migranten ist in Sachsen-Anhalt verschwindend gering. 1,8 Prozent machen sie in der Bevölkerung aus. Jeder, der hier eine andere Hautfarbe hat, wird angestarrt. Täglich erleben Migranten Vorurteile und Ressentiments, die unterhalb einer Straftat liegen, aber für die Lebensqualität gravierend sind. Migranten werden beispielsweise von den Verkehrsbetrieben oder von Türstehern in Diskotheken verschärft kontrolliert. Das ist der Alltag.

ZEIT ONLINE: Welche Migranten gibt es in Sachsen-Anhalt?

Begrich: Es gibt hauptsächlich fünf Gruppen. Asylbewerber sind eine. Eine zweite Gruppe sind die ehemaligen Vertragsarbeiter aus Vietnam , die jetzt oft selbstständige Unternehmer sind. Die dritte Gruppe stellen türkisch-kurdische Gewerbetreiber, die vor allem Imbissbuden, Restaurants oder Läden führen. Als vierte Gruppe kann man in den Universitätsstädten noch eine kleine Zahl von ausländischen Studierenden finden. Zudem gibt es die Gruppe der sogenannten Aussiedler.

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ZEIT ONLINE: Wie geht es den Aussiedlern in Bezug auf Neonazis?

Begrich: Aussiedler erleben sehr Widersprüchliches. In der rechten Szene werden sie als Russen wahrgenommen und auch verfolgt. Andererseits werden sie von der NPD gezielt als potenzielle Mitstreiter angesprochen. Denn ein Teil der Aussiedler verbreitet wie ein Teil der deutschen Bevölkerung rechtsextreme Gedanken.

ZEIT ONLINE: Wie leben Migranten in Sachsen-Anhalt mit dem Rassismus?

Begrich: Weil sie so wenige sind, haben viele Migranten keine Communitys, keinen realen sozialen Austausch, und erleben sich als isoliert. Wenn ich aus dem Senegal komme, werde ich nicht von Leuten unterschieden, die aus Tansania kommen – ich werde einfach als Neger beschimpft.

Aber in den Städten gibt es jetzt mehr Migranten, die sich zusammentun und öffentlich auftreten. Überall gibt es Migrantenselbstorganisationen. Lange galt ja das Vertreterprinzip: Es wurde ein runder Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit organisiert, an dem dann nur Deutsche mit blonden Haaren saßen. Aber das ist vorbei, die Migranten haben Selbstbewusstsein gewonnen. Sie haben eigene Organisationen gegründet und Netzwerke gebildet.

ZEIT ONLINE: Die Mitglieder einer Migranteninitiative fühlen sich in Stendal zum Beispiel ganz gut aufgehoben. Macht Stendal etwas besser als andere Regionen?

Begrich: In Stendal gibt es nur eine organisierte Neonazi-Gruppe, die so chaotisch ist, dass sie nicht handlungsfähig ist. Übergriffe sind seltener als im Umland, die NPD bekommt nicht genügend Stimmen. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass die Stadt besser mit Rechtsextremen umgeht als andere. Es ist eine eher zufällige Entwicklung. Im Landkreis Salzwedel hat sich die Szene zum Beispiel stark konzentriert, obwohl es dort ähnlich viel Engagement gegen Rechts gab wie in Stendal.

Der große Vorteil Stendals ist, dass es eine Kleinstadt ist. Die Wege sind kurz. Die Akteure kennen sich nicht erst seit gestern und wissen, was sie voneinander erwarten können. Positiv für die Migranten ist, wenn sie dauerhaft in einer überschaubaren Stadt leben und allen bekannt sind. So ist es bei den Menschen, die in einer Migranteninitiative aktiv werden. Für Flüchtlinge und Geduldete ist es schwieriger, integriert zu werden. Im Stendaler Stadtteil Stadtsee gibt es viele Menschen, die große Probleme haben.