Ich fühle mich wohl hier in Stendal. Ich erlebe keinen Hass, nur selten kleine Feindseligkeiten. Zum Beispiel lief im Supermarkt eine der Verkäuferinnen immer hinter mir her und starrte mich an. Irgendwann habe ich sie angesprochen. Ich habe ihr gesagt, wie ich heiße, in welcher Straße ich wohne und dass ich aus dem Jemen komme. Dann war Ruhe.

Meine Kinder hatten am Anfang schon Probleme, als wir neu hier waren. Die kleinste, Zara, war damals in der 5. Klasse und wurde von einem Jungen angegriffen und jeden Tag beschimpft. "Türken raus" hieß es dann. Wir haben versucht, mit dem Kind zu sprechen, auch den Kontakt mit den Eltern gesucht – die wollten mit uns aber nicht reden. Doch dann wurde der Junge krank und musste operiert werden. Die Stadt ist klein, mein Mann war zufälligerweise im OP-Saal. Als das Kind aufgewacht ist, hat es ihn als den Vater seines Opfers erkannt. Seitdem sind wir beste Freunde.

Auch ich habe auf der Straße ab und an dieses "Türken raus" gehört. Bloß weil ich ein Kopftuch trage, denken die Leute, ich wäre eine Türkin. Daran merkt man, wie wenig sie über Muslime wissen. Aber das ist nicht die Regel. Ich erlebe die Leute hier meist als tolerant. Allerdings glaube ich, dass es einfach daran liegt, dass mich inzwischen alle hier kennen. Ich bin viel unterwegs in Schulen und Kindergärten. Ich erkläre im Ethikunterricht, was der Islam ist, wie wir beten, was es mit der Pilgerfahrt nach Mekka auf sich hat, warum manche Musliminnen ein Kopftuch tragen und welche Feste wir feiern.

Neulich war ich in einem Seniorenheim und die Leute hatten viele Fragen. Sie waren ganz erstaunt, dass eine Muslimin nicht immer zu Hause sitzt und ihrem Mann gehorcht. Ich habe ihnen erklärt, dass gerade im Jemen, einem sehr streng muslimischen Land, die Frauen oft sehr gut ausgebildet und selbständig sind. Meine Schwestern haben alle studiert. Zwei sind Lehrerinnen, eine ist Ingenieurin und ich bin Ärztin.

Das heißt nicht, dass andere Migranten hier in Stendal nicht große Probleme haben. Im Stadtteil Stadtsee wohnen viele Asylbewerber. Sie bleiben dort oft unter sich. Wir von der Migranteninitiative versuchen, sie zu erreichen. Mit einer Frau aus dem Kosovo habe ich zum Beispiel stundenlang geredet. Sie hat versprochen, zu unseren Treffen zu kommen. Aber sie ist nie gekommen. Sie hatte immer eine Ausrede: Ein Kind war krank, sie hatte Bauchweh. Ich denke, manche haben Angst oder einfach kein Interesse. Sie wollen nicht über ihre Probleme reden.

Stendal ist toll, aber ich habe sehr viel Sehnsucht nach meiner Heimat. Zum Glück bin ich nicht mehr so allein. Ich habe Freundinnen gefunden, mit denen ich zusammen bete. Mit ihnen fahre ich auch am Opfer- und Zuckerfest nach Magdeburg oder Berlin, um in die Moschee zu gehen. Das gibt mir viel Halt.