Sinem Gündogdu* lebt nicht mehr. An einem Morgen im Juni lag sie in ihrem Bett und atmete nicht mehr. Das Mädchen mit dem zarten Gesicht, den verbogenen Armen und Beinen starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Ihre Eltern überführten den Leichnam ihrer Tochter aus dem Ruhrgebiet sofort nach Istanbul . Sie konnten nie mit ihrer Tochter sprechen, sind niemals mit ihr über eine Wiese gerannt. Denn das Mädchen konnte nicht aufstehen, sprechen, aktiv am Leben teilnehmen. Sie war gefangen in einem krummen Körper, ihr Geist völlig isoliert.

Sie wurde 15 Jahre alt, dabei hatten ihr die Ärzte nur wenige Jahre gegeben. Ihre Schwester Özlem starb vor drei Jahren – da war sie erst zwölf. Sinem und Özlem kamen beide schwerst körperlich und geistig behindert auf die Welt. Ihre ältere Schwester, die 17-jährige Azize, besuchte eine Schule für Lernbehinderte, momentan ist sie arbeitslos.

Wie kann es sein, dass alle drei Kinder ein Handicap haben? Ihre Eltern, Seyran und Askin, sind Cousin und Cousine. Es gibt einzelne, meist englischsprachige wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Inzestkinder mit höherer Wahrscheinlichkeit an schweren angeborenen Krankheiten leiden als Kinder von nicht verwandten Eltern. So kam eine Studie der britischen Universität Birmingham zu dem Schluss, dass 60 Prozent der Todesfälle und schweren Erkrankungen bei Kindern verhindert werden könnten, wenn der Inzest beendet würde. Das Erkrankungsrisiko nimmt demnach mit der Nähe der Blutsverwandschaft zu. Deswegen ist anzunehmen, dass auch die Leiden der Kinder von Seyran und Askin mit der Verwandtschaft der beiden in Zusammenhang stehen.

Viele Eltern kennen die Risiken nicht

In Deutschland gibt es kaum belastbares Zahlenmaterial zu diesem Thema. Einer der wenigen, der zu diesem Phänomen Daten erhoben hat, ist der Berliner Pränataldiagnostiker Rolf Becker . Er hat in den vergangenen 20 Jahren 636 ungeborene Kinder aus Verwandtschaftsehen untersucht, von denen die Hälfte aus einer Cousin-Cousine-Beziehung stammten.

In dieser Gruppe waren insgesamt 50 Ungeborene – also etwa acht Prozent – von einer schweren Behinderung betroffen. Bei mindestens 20 dieser Ungeborenen ist es Becker zufolge wahrscheinlich, dass die Verwandtschaft ihrer Eltern ursächlich für eine Erkrankung war. Diese Kinder litten häufiger an Epilepsie, Schwerhörigkeit, Muskelschwund oder Erbkrankheiten. Das Risiko, an einer genetisch bedingten Stoffwechselstörung zu erkranken, sei größer, die Lebenserwartung geringer.

"Insgesamt besteht also eine Risikoerhöhung, das Risiko für Kinder aus solchen Verbindungen ist allerdings absolut nicht allzu hoch", schreiben die Humangenetiker Gholamali Tariverdian und Werner Buselmaier in ihrem Handbuch Humangenetik . Es kann also zu Schäden kommen, zwingend ist dieser Zusammenhang aber nicht.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, fordert Julia Hennermann, Stoffwechselmedizinerin und Kinderärztin an der Berliner Charité , eine frühzeitige Aufklärung – am besten schon in den Schulen. Etwa 15 Prozent der Stoffwechselkranken, die sie behandelt, kommen aus Verwandtenbeziehungen. Natürlich heirateten auch deutsche Verwandte untereinander, aber mehrheitlich seien es Migranten. Viele wissen offenbar gar nicht über die Risiken Bescheid. "Genetik ist für die meisten etwas sehr Abstraktes", sagt Hennermann.

Über die möglichen Folgen wird wenig gesprochen

Bis heute ist die Ehe zwischen Verwandten dritten Grades – also zwischen Cousin und Cousine – in Deutschland nicht verboten, aber eher selten. Am weitesten verbreitet sind Verwandtenehen in Ländern, in denen der Islam praktiziert wird. Mehr als die Hälfte der Ehen wird dort innerhalb einer Familie geschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des australischen Centre for Comparative Genomics . Eine Gesamtübersicht für Deutschland gibt es nicht. Aber etwa jede vierte türkischstämmige Frau hierzulande ist mit einem Verwandten verheiratet, ergab 2010 eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Seyran wurde vor 40 Jahren in einem anatolischen Dorf geboren. Dem Leben dort brachte sie vor allem Duldsamkeit entgegen. Eine Schule beendete sie nicht, mit 20 Jahren heiratete sie und folgte ihrem Mann nach Deutschland. Sie ließen sich schließlich im Ruhrgebiet nieder.

Als Seyrans erste Tochter zur Welt kam, sah zunächst alles gut aus. Erst nach einigen Monaten bemerkte die Mutter, dass mit ihrem Baby etwas nicht stimmte. Erst sehr viel später war klar, dass Azize lernbehindert ist. Bei der zweiten Schwangerschaft hofften die Eltern, es werde diesmal gutgehen – doch  das Kind kam mit einer Behinderung zur Welt, ebenso die dritte Tochter. Natürlich stoße sie oft an die Grenzen ihrer Kraft, sagt Seyran. Aber was solle man tun, "eine Mutter gibt ihr Kind nicht ab".

Drohungen von religiösen Fundamentalisten

Die Duisburger Sozialwissenschaftlerin Yasemin Yadigaroglu engagiert sich seit Jahren gegen Verwandtschaftsehen. 2005 wollte sie mit einer Postkartenaktion auf das Problem aufmerksam machen: "Kinder wünsche ich mir, aber nicht von meiner Cousine" oder ähnliche Slogans standen auf den Karten, die sie in Schulen und Moscheen verteilte. Dort hält sie auch Vorträge über die gesundheitlichen Risiken einer Verwandtschaftsehe.

Doch nicht überall ist Yadigaroglu willkommen, die Gemeinde der Merkez-Moschee in Duisburg werfe ihr Nestbeschmutzung vor und verwehre ihr den Zutritt in die Vereinsräume. Sie erhalte Drohungen, meist von religiösen Fundamentalisten. Aber auch von Kollegen deutscher Herkunft bekomme sie zu hören, sie stigmatisiere Migranten. Die Verwandtschaftsehe unter Migranten ist politisch ein heikles Thema. Wer es anspricht, wird schnell als Rassist gehandelt. Weil Yadigaroglus Projektanträge für ihre Kampagnen abgelehnt wurden, will sie nun mit Gynäkologen zusammenarbeiten.

Trotz aller Mühen weiß die Soziologin, dass sich die Tradition so schnell kaum ändern wird. Nicht umsonst heißt ein Sprichwort in der Türkei . "Gute Mädchen heiraten Verwandte, schlechte Mädchen gibt man einem Fremden."

*Namen der Familie von der Redaktion geändert