Die Polizei rückte in großer Stärke an. Beim Beginn des Prozesses gegen die kremlkritische Punkband Pussy Riot wollte sie jeden möglichen Protest im Keim ersticken. Die drei wegen Rowdytums angeklagten Frauen beantragten zum Auftakt des online live übertragenen Prozesses mehr Zeit, um sich mit den 3.000 Seiten Ermittlungsakten vertraut zu machen. Das Gericht hatte die sieben Bände Ermittlungsakten laut Amnesty International erst wenige Tage vor Prozessbeginn an die Verteidigung geschickt.

Eingesperrt in eine Glasbox saßen sie im gleichen Saal, in dem auch die Verhandlung gegen den Putin-Kritiker Michael Chodorkowski stattfand – unter Leitung desselben Richters. Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) – beide sind vor Kurzem erst Mutter geworden – sowie Jekaterina Samuzewitsch (29) sind angeklagt, an den Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt zu haben. Vor dem Gerichtsgebäude riefen Unterstützer trotz der Polizeipräsenz: "Freiheit für Pussy Riot". "Das ist politische Vergeltung und Rache", sagte der frühere Vizeregierungschef und Regierungskritiker Boris Nemzow . Auch die Verteidigung hatte die Anklage als absurd bezeichnet.

Die Musikerinnen hatten im Februar in der Erlöserkathedrale in Moskau dafür gebetet, dass Russland von Präsident Wladimir Putin erlöst werden möge. Ihr Auftritt ist in einem YouTube-Video dokumentiert. Dabei habe es sich um einen Protest gegen die zunehmend autoritären Tendenzen im Land gehandelt, hieß es in einer vor Gericht verlesenen Erklärung der seit fast fünf Monaten inhaftierten Frauen. Pussy Riot sei eine politische Band, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nutze. Es sei nicht Ziel gewesen, religiöse Gefühle zu verletzten, las Verteidigerin Violetta Wolkowa vor. Putin selbst hatte die Aktion nach seiner Wiederwahl im März scharf kritisiert

Medwedew verteidigt Vorgehen der Justiz

Menschenrechtler bezeichneten das Verfahren als politischen "Schauprozess" zur Einschüchterung der Opposition. Auch andere Musiker wie Sting und die Red Hot Chili Peppers zeigten sich über den Prozess besorgt. Die Frauen sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt. Schon die Anordnung einer Untersuchungshaft von mehr als vier Monaten sei unverhältnismäßig bei einem Tatvorwurf, der höchstens als Ordnungswidrigkeit gelten könne, sagte Russland-Experte Peter Franck von Amnesty International.

Russlands Regierungschef Dmitri Medwedew verteidigte das Vorgehen der Justiz. In einigen anderen Ländern müssten die Frauen mit deutlich höheren Strafen rechnen als in Russland, sagte Medwedew in einem Interview der britischen Zeitung The Times . "Dabei reden wir noch nicht davon, dass unter bestimmten politischen Bedingungen eine solche Tat hätte ziemlich traurig ausgehen können", sagte der Ex-Kremlchef dem von der Regierung veröffentlichten Redetext zufolge. Medwedew hatte während seiner Amtszeit als Präsident eingeräumt, dass russische Gerichte von Politikern beeinflusst würden und korrupt seien.