Es geht längst nicht mehr um Nadja Drygalla selbst. Was man von der Ruderin verlangen konnte, hat sie getan: Sie hat sich öffentlich vom Rechtsextremismus distanziert . Damit sollten wir es bewenden lassen. Wie man mit einem lebt, der Antisemitismus und Rassismus propagierte , ist Privatsache.

Die Debatte allerdings, die sich an den Fall anschloss, macht nachdenklich. Nach dem Einwurf von Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziére – "Wo ist die Grenze?" – entstand ein diskursives Feuer, dessen Schärfe den Eindruck erweckt, hier habe dringend einmal etwas herausgemusst.

Der Tenor: Jemanden wegen eines Verdachtsmomentes nach seiner Haltung zur Demokratie zu befragen, sei Gesinnungsschnüffelei. Teile der Gesellschaft gerieten in einen Zustand, der auf "ungute Weise an die Jahre des RAF-Terrors erinnert", warnte der Tagesspiegel .

Wie abweichend vom sogenannten demokratischen Diskurs darf eine innere Einstellung denn sein?, fragte ein Kommentator in der Süddeutschen und antwortete: Eine demokratische Gesellschaft müsse Ansichten aushalten, die ihr entgegenstehen, solange diese nicht in Hetze, Diffamierung und Militanz ausarten. Oder, in der ZEIT: Auch zweifelhafte Sichtweisen seien Privatsache, wenn sie nicht zu Gewalttaten führen.

Nun ist es nicht falsch, im Umgang mit dem Rechtsextremismus vor Hysterie zu warnen. Nichts blamiert den Kampf gegen die Neonazis so sehr wie falsche Vorwürfe gegen Einzelne. Der Umgang des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) mit der Drygalla-Affäre war heuchlerisch. Denn warum musste sie gehen, wenn an ihrer demokratischen Einstellung kein Zweifel bestand?

Doch die leidenschaftlichen Verallgemeinerungen, die dem folgten, werfen eine grundsätzlichere Frage auf. Nämlich die, ob wir uns noch einig sind, dass Neonazis eine Sichtweise vertreten, die unbedingt zu isolieren ist.

Das ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit . Jahrzehnte des Ignorierens und eine rechtsextreme Mordserie hat es gebraucht, bis sich dieser Konsens durchsetzte: Neonazis haben ein Weltbild, das in jedem Fall menschenverachtend ist . Sie folgen einem Kanon an Ansichten, der grundsätzlich bekämpft werden muss, weil er Menschen wegen ihrer angeborenen Merkmale sortiert.

Gilt dieser Konsens noch? Wenn nämlich Neonazis wieder nur dann auszugrenzen sind, sobald ihnen strafbares Verhalten nachgewiesen werden kann, oder schlimmer: Wenn ihre Ansichten in dieser Demokratie zunächst einmal zu tolerieren sind; dann wäre die Auseinandersetzung mit ihnen auf die neunziger Jahre zurückgeworfen. Und der Vorwurf, die Meinungsfreiheit nicht verinnerlicht zu haben, träfe auf jeden zu, der sich in einem Bündnis gegen Rechtsextreme engagiert.

Mag sein, dass das nicht gemeint ist. Kaum ein Kommentar der vergangenen Tage verzichtete auf die Beistellung, dass Neonazis selbstverständlich verachtenswert seien. Doch es ist weltfremd, zu glauben, man könne gegen Rechtsextreme nur vorgehen, wenn sie gegen das Recht verstoßen.