ZEIT ONLINE: Frau Ebadi, Sie haben einen Brief an die Frauenorganisation der Vereinten Nationen geschrieben, um gegen den Ausschluss der Frauen aus bestimmten Studienfächern zu protestieren. Was ist die Kernaussage Ihres Briefes?

ShirinEbadi: In dem Brief weise ich darauf hin, dass die Islamische Republik bedrohliche und diskriminierende politische Entscheidungen gegen Frauen trifft. Die Regierenden im Iran glauben, Frauen gehörten an den Herd und versuchen mit allen Mitteln, sie aus dem aktiven, gesellschaftlichen Leben zu verdrängen. Ihre neueste Maßnahme ist der Ausschluss der Frauen aus 77 Studienfächern. Das Wissenschafts- und Hochschulministerium begründet diese Diskriminierung mit der Regulierung des Arbeitsmarktes. Es gäbe zu viele arbeitslose Akademiker in bestimmten Bereichen. Aber warum sollen für die Lösung dieses Problems nur Frauen Entbehrungen hinnehmen?

ZEIT ONLINE: Das Wissenschaftsministerium hat die Verantwortung für diese Maßnahmen von sich gewiesen und mitgeteilt, dass die Universitäten autonom gehandelt hätten.

Ebadi: Das ist nicht wahr. Die 36 Hochschulen, von denen die Frauen verdrängt werden sollen, sind staatliche Universitäten, die dem Wissenschaftsministerium untergeordnet sind. Sie dürfen solche gewichtigen Entscheidungen nicht ohne die Zustimmung des Wissenschafts- und Hochschulministeriums beziehungsweise der Regierung treffen.

ZEIT ONLINE: Die Rektoren der betroffenen Universitäten haben unterschiedliche Gründe für den Ausschluss der Frauen genannt. Unter anderem wird gesagt, bestimmte Fächer seien "männlich" und für Frauen nicht geeignet. Wie ist das Selbstverständnis iranischer Frauen? Wollen sie beispielsweise überhaupt als Agraringenieurin arbeiten?

Ebadi: Iranische Frauen haben bewiesen, dass sie in allen Fächern mit ihren männlichen Kommilitonen nicht nur konkurrieren, sondern sie auch überholen können. In den letzten Jahren waren schätzungsweise mehr als 60 Prozent aller Studierenden Frauen. Das sind gebildete, aufgeklärte Frauen, die Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts nicht mehr hinnehmen werden. Aus diesem Grund hat sich auch die feministische Bewegung im Iran enorm entwickelt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Akademikerinnen haben für den Aufschwung der feministischen Bewegung gesorgt?

Ebadi: Die feministische Bewegung hat sich mit anderen Bewegungen, wie der Studenten- und Arbeiterbewegung, zusammengeschlossen und konnte so in allen Schichten der Gesellschaft Fuß fassen. Das macht dem Staat sowieso Angst. Die Regierung fürchtet aber besonders die gebildeten Frauen. Deshalb versucht sie mit verschiedenen Maßnahmen und Tricks, den Aufstieg der Frauen zu stoppen. Eine dieser Maßnahmen ist ihr Ausschluss von bestimmten universitären Fächern.