An diesem heißen Samstagnachmittag schaut Peter aus dem Fenster seiner Stammkneipe in Berlin Neukölln . Der 54-Jährige trinkt sein Bier und blickt auf schwarz gekleidete Polizisten in Schutzanzügen, die sich vor der Kneipe aufstellen. Die verschwitzten Polizisten schauen sich unruhig um, während eine wachsende Masse von Demonstranten gegen die Absperrungen drängt.

Etwa tausend Demonstranten und ebenso viele Polizisten warten gespannt auf die Ankunft einer Pro-Deutschland-Delegation, die Mohammed-Karikaturen vor der naheliegenden Dar-Assalam Moschee zeigen will. "Nazis raus!" und "Allahu akbar!" schreien die Demonstranten – unter ihnen auch Vertreter der SPD , Grünen und Linken.

Doch als die etwa vierzig aus ganz Deutschland angereisten Islamgegner erscheinen, verstummen die Parolen. Kurz ist es still, dann brechen die Versammelten in Gelächter aus. Sie haben wohl kampfbereite Kahlköpfe erwartet. Gekommen sind angespannt wirkende Herren in Polohemden und ältere Damen mit gepflegten Frisuren.

Peter nippt weiter an seinem Bier, während ein paar Demonstrationen nun doch mit Flaschen auf die Pro-Deutschland-Aktivisten werfen und die Polizei eingreift. Seit 36 Jahren lebt er in Neukölln, sagt er. Jetzt will er aber wegziehen. Die Dönerläden und die Spielcasinos hätten seine Straße kaputtgemacht.

"In einem Punkt bin ich mit Pro-Deutschland einverstanden", sagt er, "der Islam gehört nicht zu Europa ." Mit dem "braunen Haufen" wolle er aber nichts zu tun haben. Er habe schließlich immer SPD gewählt. Und was hält er dann von Thilo Sarrazin ? Er sagt: "Hat er was Falsches gesagt? Nein. Die Muslime können sich in Deutschland nicht integrieren." Neben ihm sitzt sein Freund, der 48-jährige Meti. Er ist Türke und auch Stammkunde in der Eckkneipe. Seine Kinder sind in Deutschland geboren. Sie sind zur Schule gegangen und haben jetzt alle eine Arbeit. Er fragt Peter. "Gehören wir nicht zu Deutschland?" Peter zögert: "Ausnahmen gibt es ja immer", gibt er schließlich zu.

Die Verleumder ignorieren

In allen drei Moscheen, vor denen die Karikaturen ausgestellt werden sollten, wurde während des Freitagsgebets zur Besonnenheit aufgerufen. In den drei Wochen davor organisierte die Berliner Polizei mehrere Gesprächsrunden mit allen islamischen Vereinen der Stadt. Und die Vertreter der Muslime versprachen, sich nicht an den Gegendemonstrationen zu beteiligen oder dazu aufzurufen. Die Gefahr, dass unorganisierte Gruppen auf die Provokation heftig reagieren würden, konnte die Polizei aber nicht ausschließen. "Nachdem, was in Solingen passiert ist, empfinde ich eine stärkere Ehrfurcht vor solchen Einsätzen", sagte dann auch der Neuköllner Oberkomissar Christian Horn.

Der 25-jährige Munir, der die Dar-Assalam Moschee in Neukölln besucht, bestätigt diese Sorge: "Einige Bekannte von mir wollten aktiv gegen die Karikaturenausstellung vorgehen", sagt er. "Aber unser Imam hat auf das Beispiel Mohammeds hingewiesen, der seinen Verleumdern entgegentrat, indem er sie ignoriert."

Die As-Sahaba Moschee im Wedding blieb am Samstag ganz geschlossen. Sie ist als Anlaufstelle der Salafisten bekannt. "Ich habe gehört, dass sich hier einige radikale Islamisten treffen", sagt die 49-jährige Ulrike, die neben der Moschee wohnt. Sie findet es deshalb richtig, dass Pro-Deutschland gerade hier gegen die Islamisten demonstriert. Allerdings sagt sie auch, dass der riesige Polizeieinsatz eine Verschwendung von Steuergeldern sei. Dasselbe denkt auch der muslimische Adel, 20 Jahre alt. Er wohnt in Neukölln und ist Bankangestellter. Er fragt: "Was kostet so ein riesiger Einsatz? 60.000 Euro? Und das für eine kleine streitsüchtige Gruppe?"